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Wiesbaden Strikter Appell gegen Ausgrenzung

Das Roadmovie „Tschick“ lockt während der Schulkinowochen 350 Jugendliche ins Caligari in Wiesbaden. Die Zahl der Besucher ist gegenüber dem Vorjahr gestiegen.

Caligari in Wiesbaden
Die Caligari-Filmbühne in Wiesbaden. (Archivbild) Foto: Renate Hoyer

Gabi Babic musste eine Weile kämpfen, bis sie an dem Punkt angelangt war, an dem sie die wohl wichtigste Botschaft des Films in den Mittelpunkt rücken konnte. Im Englischen, erläuterte die Leiterin des „Go East“-Festivals, gebe es den Begriff „Othering“ – „das bedeutet, dass man jemanden zu ,anderen‘ macht“ dass man Minderheiten ausgrenze, alles, was nicht dem Mainstream entspreche, für unerwünscht erkläre. „Und ,Tschick‘ ist ein strikter Appell gegen Othering“, sagte Babic.

„Der Film liefert einige Momente, über dieses Verhalten nachzudenken.“ Es war nicht die schlechteste Botschaft, die Babic den rund 350 Schülerinnen und Schülern mit auf den Heimweg gab, die gestern Morgen zur Wiesbadener Caligari-Filmbühne gekommen waren.

Im Rahmen der hessischen Schulkinowochen hatten sie sich „Tschick“ angeschaut, die Fatih-Akin-Verfilmung des gleichnamigen Romans von Wolfgang Herrndorf.

Kritik an Hauptdarstellern

Ein Roadmovie über die Freundschaft zweier Außenseiter, eines als „Assi“ geschmähten Russlanddeutschen und eines als „Psycho“ verschrieenen Jungen aus reichem Elternhaus. Jenen Film, der während der morgen zu Ende gehenden zweiwöchigen Veranstaltungsreihe des Deutschen Filminstituts (DIF) landesweit die zweitmeisten Zuschauer anlockte; lediglich der schon für Kinder ab dem dritten Schuljahr geeignete „Rico, Oscar und der Diebstahlstein“ stieß auf größeres Interesse.

Insgesamt verbuchten die Verantwortlichen bei den Besucherzahlen einen Anstieg um rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr, berichtete Sandra Duschl, DIF-Regionalbetreuerin Rhein-Main. Erstmals nutzten mehr als 70 000 Schülerinnen und Schüler das Angebot.

Doch anders als manch einer der Erwachsenen dies wahrscheinlich erwartet hatte, fiel der Applaus gestern beim Einsetzen des Abspanns recht spärlich aus. Die Kritik der Schüler reichte von „Die Hauptdarsteller waren nicht glaubwürdig“, sie hätten geredet, als läsen sie den Text vom Blatt ab, bis hin zur Klage darüber, dass etliche Szenen aus dem Buch sich auf der Leinwand nicht wiederfanden.

„In vielen Mittelstufenklassen gehört ,Tschick‘ inzwischen zur Lektüre“, berichtete Maria Weyer, die leitende Medienpädagogin des Wiesbadener Medienzentrums, das als Kooperationpartner des DIF fungiert. Und der eine oder andere der jungen Leser hatte offenbar andere Bilder im Kopf als der Film bot.

Ekelgeräusche beim Outing

Beispielsweise das Aussehen der Titelfigur. „Er soll Russlanddeutscher sein, sieht aber aus wie ein Asiate“, monierte ein Schüler. Nicht nur er ging schlauer nach Hause, nachdem Festivalleiterin Gabi Babic einen kurzen Exkurs ins einstige sowjetische Riesenreich vorgenommen hatte, in dem sich auch deutsche Auswanderer mit asiatischen Völkern vermischt hatten.

„Warum muss denn der Asiate auch noch schwul sein?“ Diese Frage eines Jugendlichen bot der Moderatorin den idealen Übergang zur Message des Films. Als nämlich „Tschick“ sich gegen Ende als homosexuell outete, war nicht nur ein deutliches Raunen im Kinosaal zu vernehmen, sondern auch „Ekelgeräusche“, wie es Babic formulierte. Offenbar kein Zufall, wie einer der Lehrer unter Verweis auf Jugendstudien erläuterte: „Jugendliche heute wollen Mainstream sein.“

Immerhin: Eine Schülerin hielt ein Plädoyer gegen Ausgrenzung von Mitschülern, nur weil sie anders aussähen oder gekleidet seien. „Der Film hat gezeigt, wie man sich täuschen kann.“

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