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Wiesbaden Interesse an Ehrenamt geht zurück

Die Wiesbadener haben weniger Lust, sich ehrenamtlich zu engagieren. Das ist das Ergebnis einer Bürger-Umfrage. Sie zeigt auch, dass die Gleichgültigkeit gegenüber lokalem Geschehen wächst.

Ehrenamtliche Arbeit
Das Interesse an ehrenamtlicher Arbeit nimmt nicht nur in Wiesbaden ab. Die Entwicklung ist bedenklich, vor allem wenn es um das Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr geht. Foto: Imago

Es waren zum Teil widersprüchliche, verwirrende Ergebnisse der Umfrage zu „Politikinteresse, Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement“, die Karl-Heinz Simon vom Amt für Stadtforschung gestern vorstellte. Ergebnisse, die keine einfachen Schlüsse zuließen, sondern „eine Menge Fragen aufwerfen und keinen Anlass zu überschäumender Freude bieten“, wie Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) einräumte.

Der Aspekt, der ihm am heftigsten auf den Magen schlägt, ist das deutlich rückläufige ehrenamtliche Engagement in der Landeshauptstadt. Zwar hielten 87 Prozent der im vorigen Jahr Befragten es für wichtig oder sehr wichtig, dass sich Bürgerinnen und Bürger an Vorhaben und Projekten der Stadt beteiligen können – nur 56 Prozent jedoch signalisieren ein ähnlich stark ausgeprägtes persönliches Interesse daran. Frei nach dem Motto „Lass das mal die anderen machen…“ wirkt sich dies in der Praxis noch drastischer aus. Lag die Ehrenamtsquote 2009 bei 36 Prozent und bei der Befragung vor drei Jahren immer noch bei 34 Prozent, war sie zuletzt auf 27 Prozent gesunken. „Und das betrifft alle Sozial- und Altersgruppen“, erläuterte Simon. „70 Prozent der über 18-Jährigen engagieren sich nicht.“

Am gravierendsten macht sich der Rückgang in den Altersgruppen von 30 bis 59 Jahren bemerkbar. Ohne dass die Befragten Gründe für ihr Verhalten angeben mussten, hat Karl-Heinz Simon eine sehr konkrete Vermutung, woran das liegt. „Das ist die Rushhour in der Mitte des Lebens“, sagt der Soziologe. Die zunehmenden Anforderungen des Arbeitsmarktes und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien für viele offenbar Belastung genug. Rätselraten verursacht die widersprüchlich anmutende Erkenntnis eines deutlich gestiegenen Interesses an allgemeiner Politik bei stark ausgeprägter Gleichgültigkeit gegenüber dem lokalen Geschehen.

„Das ist sehr, sehr bitter“, sagt Gerich, „weil sich auf kommunaler Ebene die Dinge des täglichen Lebens entscheiden.“ Bei 26 Ortsbeiräten mit insgesamt mehr als 400 Mitgliedern sei er davon ausgegangen, dass die Kommunalpolitik stärker in der Bevölkerung verwurzelt sei. Erst recht, da er selbst seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren das Thema „Bürgerbeteiligung“ ganz weit oben auf der Agenda platziert hat.

Veranstaltungen wie die Bürgerversammlung im Schelmengraben am Dienstagabend zeigen auch, dass dieses Bemühen auf fruchtbaren Boden fällt. Aber: Jüngere Einwohner tauchen in solchen Fällen nur selten auf, Einwohner mit Migrationshintergrund noch seltener. „Und die Leute kommen aus einer persönlichen Betroffenheit heraus.“ Gerich stellt ein gewisses Kirchturmdenken fest. „Wir müssen ein Interesse daran haben, den Radius des Kirchturms zu erweitern.“

Aufbauend auf der Umfrage gehe es als nächstes darum, die Ursachen für das nachlassende Interesse an städtischen Belangen herauszufinden. Gegen „eventuelle diffuse subjektive Gefühle“ lasse sich verhältnismäßig wenig ausrichten. In diesen Fällen könne man nur auf die vielfältigen Angebote wie Bürgerbeteiligung und Ehrenamt hinweisen.

Möglicherweise aber sei ja auch der Zugang zu diesen Angeboten nicht gut genug organisiert, vielleicht bedürfe es anderer Rahmenbedingungen. Und wie viel Bürokratie sei bei der Förderung bürgerschaftlichen Engagements verzichtbar? Immerhin gebe es ja auch einen Hoffnungsschimmer, sagt Gerich und verweist auf jene zehn Prozent der Bürger, die angaben, sie wollten sich „mit Sicherheit“ engagieren, und jene 40 Prozent, die zumindest „vielleicht“ ankreuzten. „Es ist unsere Aufgabe, auch meine, dafür zu sorgen, dass möglichst viele dieser 40 Prozent beim nächsten Mal ,ganz sicher‘ sagen.“

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