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Wiesbaden Flüchtlinge Sicher in eine ungewisse Zukunft

In Wiesbaden kommen viele syrische Flüchtlinge bei Verwandten unter. Das ist gut für die Stadt, denn die Flüchtlingsunterkünfte sind belegt.

Sie sitzen in den Räumen des aramäisch-syrischen Kultur- und Sportvereins in der Walramstraße und spielen Würfelspiele, um sich abzulenken. Auf einmal fängt einer der Männer an zu erzählen, was er gesehen hat auf seiner Flucht aus Syrien: „Geschlachtet haben sie die Leute, mit Messern die Köpfe herunter geschnitten.“ Ein anderer sagt: „Meine Familie ist noch da.“ Dann senken die Männer ihre Blicke, denn jeder von ihnen musste Angehörige im Kriegsgebiet zurück lassen.

Rimon Daho, der Vorsitzende des Vereins, war selbst einmal Flüchtling. 1979 flüchtete er aus Syrien, damals vor einem kommunistischen Regime, das ihm seinen christlichen Glauben verbieten wollte. Der 60-Jährige kennt daher die Sorgen seiner Landsleute bestens, die in diesen Tagen in Wiesbaden ankommen. „Ich helfe, wo ich kann“, sagt er, „mein Telefon steht nie still.“

Daho arbeitet mit Rolf Deinet zusammen, er ist der Abteilungsleiter des städtischen Amts für Sozialhilfe und Flüchtlingswesen: „Viele Syrer kommen in Wiesbaden bei Verwandten unter“, sagt Deinet. So wie Daho sind nämlich zwischen 1980 und 1990 viele Syrer nach Deutschland geflüchtet und haben sich hier niedergelassen. Daho schätzt, dass 600 syrische Familien derzeit in Wiesbaden wohnen. Diese Verwandtschaftsverhältnisse kommen der Stadt nun zugute. Denn Wiesbaden muss pro Jahr ein gewisses Kontingent an Flüchtlingen und Asylbewerbern aufnehmen: „Dieses Jahr müssen wir 250 Menschen, unabhängig der Nationalität, aufnehmen“, sagt Deinet. Und da zur Zeit hauptsächlich Menschen aus Syrien kämen und die Flüchtlingsunterkünfte aus „allen Nähten platzen“, ist Deinet froh über jeden, der Verwandte in der Stadt hat. Insgesamt seien in diesem Jahr schon 202 Flüchtlinge aus dem Sammellager in Gießen nach Wiesbaden gebracht worden. „Vor fünf Jahren waren es 100 pro Jahr“, sagt Deinet.

Kontingent soll erhöht werden

Deutschland hat sich mit einem Programm verpflichtet, insgesamt 5000 Syrer aufzunehmen. Sie durchlaufen kein normales Asylverfahren, sondern ein beschleunigtes und bekommen so schneller eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. 4000 von ihnen kommen laut Deinet aus Flüchtlingslagern an der syrischen Grenze und 1000 reisen über Botschaften mit einem Visum ein. Wiederum andere schlagen sich auf eigene Faust und mit Hilfe von Schleppern nach Deutschland durch: „Diese unterschiedlichen Wege und unterschiedlichen rechtlichen Einstufungen führen oft zu Verwirrung“, sagt Deinet.

Deshalb habe man bei der Stadt nun ein Büro eingerichtet, das sich um die syrischen Flüchtlinge kümmert. „Die Menschen, die über Sammellager kommen, werden bei uns angemeldet, aber die Flüchtlinge mit Visum oder irgendwelche Irrläufer stehen einfach plötzlich vor der Tür“, sagt Deinet. Er und Daho begleiten Ankömmlinge nach Gießen, wo sie ihre rechtmäßige Aufenthaltserlaubnis erhalten: „Von dort werden sie auf die Gebietskörperschaften verteilt“, sagt Deinet.

Bisher habe Wiesbaden jedes Jahr sein „Aufnahmesoll“ erfüllen können, doch langsam werde es eng, sagt Deinet. Das Regierungspräsidium in Darmstadt habe angekündigt, das Kontingent für Wiesbaden zu erhöhen: „Wir brauchen dringend eine neue Unterkunft“. In der Flüchtlingsunterbringung in der Mainzer Straße belegen teilweise vier Personen ein Zimmer: „Ich muss geizig sein mit dem Platz“. Die Suche nach einem geeigneten Gebäude in der Stadt gestalte sich „langwierig und schwierig“, doch Deinet habe schon etwas im Auge, er möchte nur noch nicht verraten wo.

Befristete Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung

Ein Problem sei auch der fehlende soziale Wohnraum, das findet auch Daho: „Wir versuchen unseren Leuten Wohnungen zu vermitteln, aber das ist sehr schwer“, sagt er . Viele Flüchtlinge mit Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis finden laut Deinet keine Wohnung und blockieren Plätze in den Unterkünften. „Der Andrang wird durch den Syrienkonflikt immer größer, das heißt, wir brauchen eben noch mehr Platz“, resümiert der städtische Flüchtlingsexperte. Er zeigt sich aber zuversichtlich: „Vor zwanzig Jahren hatten wir in der Stadt 140 Häuser mit 4500 Betten für Flüchtlinge“, weiß er, denn er ist seit 25 Jahren im Amt, „da war der Andrang noch viel größer als heute, wir werden das schon hinbekommen.“

Dabei will auch Daho weiterhin behilflich sein. In den Vereinsräumen unterhält er sich oft mit seinen Landsleuten über die Situation in Syrien: „Es ist traurig“, sagt Daho, „Syrien war einmal für uns wie ein Paradies.“ Die meisten, die gekommen sind, seien heilfroh und fühlten sich seit langem wieder einmal sicher, sagt Daho. Sie haben eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis bekommen für ein, zwei oder drei Jahre. Was danach kommt, sei ungewiss.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zuwanderung Rhein-Main

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