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Wetterau Allein unter Männern

Sonja Frühschütz ist die erste Bezirksschornsteinfegerin im Wetteraukreis. Grund für die Wahl ihres Berufes war eine Schornsteinfegerin, die einst in ihr Elternhaus kam.

Wetteraukreis
Zum Schornsteinfegen kommt die Friedbergerin Sonja Frühschütz nur noch selten. Foto: Rolf Oeser

Eigentlich wollte Sonja Frühschütz etwas anderes werden. Försterin zu sein, diese Vorstellung habe ihr als Kind gut gefallen, sagt die 34-Jährige. Heute ist sie eine von gerade mal 13 Schornsteinfegerinnen, die in Hessen arbeiten. Dass die Schlote und Lüftungsanlagen ihr Metier wurden und nicht der Wald, hatte mit einer anderen Schornsteinfegerin zu tun, die früher in das Elternhaus von Frühschütz in Lich (Kreis Gießen) kam. Durch sie entstand das Interesse an dem Handwerk und der Kontakt zu einem Betrieb im benachbarten Grünberg.

Als Frühschütz dort ein Ausbildungsplatz angeboten wurde, verließ sie das Gymnasium im zwölften Schuljahr vorzeitig. 2001 begann sie die Lehre. „Allerdings nicht nur zur Freude in meiner eigenen Familie“, sagt die Schornsteinfegerin. Die Oma habe dann doch an eine andere Beschäftigung für die Enkelin gedacht – weniger gefährlich und nicht nur unter Männern. Die Sorgen habe sie aber schnell aus der Welt schaffen können.

Sonja Frühschütz, die heute mit ihrem Mann und dem acht Jahre alten Sohn in Friedberg-Dorheim lebt, steht hinter ihrer Entscheidung von damals. Der Erfolg gibt ihr recht. Nicht nur, dass sie 2008 an der Landesfachschule für Schornsteinfeger in Bebra den Meister obendraufsetzte.

Seit April ist die Friedbergerin die erste bevollmächtigte Bezirksschornsteinfegerin im Wetteraukreis. Ihr Kehrbezirk, einer von 30 im gesamten Kreis, liegt im Nordosten der Wetterau, einer durch und durch ländlichen Gegend. Er reicht von Gedern-Steinberg über Hirzenhain bis Ortenberg. Anfang 2017 bewarb sie sich für die Position, die vom Regierungspräsidium Darmstadt für sieben Jahre vergeben und anschließend wieder öffentlich ausgeschrieben wird.

Während sich Hausbesitzer seit der Liberalisierung des Marktes 2013 ihren Schornsteinfeger prinzipiell selbst aussuchen können, dürfen gewisse hoheitliche Tätigkeiten nur die bevollmächtigten Bezirksschornsteinfeger erledigen. So darf im Kehrbezirk von Sonja Frühschütz nur sie selbst neue Feuerstätten und Schornsteine abnehmen. Ebenso ist es ihre Aufgabe, einen sogenannten Feuerstättenbescheid zu erstellen. Aus ihm geht für jeden Hausbesitzer hervor, wann vorgeschriebene Schornsteinfegerarbeiten bevorstehen. Auch die Feuerstättenschau, eine Begutachtung aller Feuerungsanlagen im Haus samt Abgasanlagen, Ofenrohren und Schornsteinen, gehört zu Frühschütz’ hoheitlichem Auftrag.

Zeit, um auf Dächer zu steigen und zu fegen, habe sie jetzt nicht mehr, sagt Frühschütz. In ihrem ländlichen Kehrbezirk mache dies – im Gegensatz zur Stadt, in der vor allem Gasgeräte und Heizungsanlagen überprüft werden müssten – noch einen beträchtlichen Teil der Arbeit aus.

Den stählernen Besen lässt nun die 19-jährige Nichte in die Schornsteine sinken. Die arbeitet seit Ende Juni für ihre Tante. Zusammen sind sie Hessens einziger reiner Schornsteinfegerinnen-Betrieb – und als solcher auch deutschlandweit eine Rarität, schätzt Harald Stehl, der Geschäftsführer des Landesinnungsverbands des Schornsteinfegerhandwerks.

Für manchen Kunden ist es immer noch eine ungewöhnliche Vorstellung, dass eine Frau diesen Beruf aus eigenem Antrieb ergreift. „Ist der Vater Schornsteinfeger?“, werde sie häufig gefragt. Selbst die Fähigkeit zum Aufstieg sei ihr schon abgesprochen worden. „Gehen Sie auch aufs Dach oder messen Sie nur?“, habe einmal jemand gefragt.

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