Lade Inhalte...

Werbeverbot für Abtreibungen Mahnwachen und Strafanzeigen

Fundamentalistische Abtreibungsgegner wollen Mediziner mit Hilfe des Strafrechts einschüchtern. Gleichzeitig verstärken sie ihre Kampagne gegen Pro Familia.

Kundgebung
Proteste gegen den Paragrafen 219a vor dem Bundestag in Berlin. Foto: epd

Die Botschaften, die Kristina Hänel Mitte Dezember per E-Mail erreichen, lassen bezüglich Intention und Gesinnung ihrer Verfasser wenige Fragen offen: „Hoffentlich tritt dir jemand so lange in die widerliche Semitenhackfresse, bis sich dein Hirn auf dem Boden verteilt“, schreibt ein unbekannter Autor. „Sie sind in meinen Augen eine Mörderin und eine Unterstützerin gegen die Rechte eines Ungeborenen“, heißt es in einer anderen Zuschrift, an deren Ende Hänel ein baldiges Ableben gewünscht wird.

Kristina Hänel ist so etwas beinahe schon gewohnt. Seit Jahrzehnten erhält die Allgemeinmedizinerin aus Gießen immer wieder Hassbotschaften. Früher per Post, heute eben per E-Mail. Doch als sie im Herbst 2017 öffentlich macht, dass ihr wegen eines Verstoßes gegen Paragraf 219a des Strafgesetzbuches – der das Verbot von Werbung für Schwangerschaftsabbrüche beinhaltet – der Prozess gemacht werden soll, und zugleich ankündigt, eine Verurteilung nicht zu akzeptieren (siehe Bericht auf Seite F2), wird sie endgültig zum Hassobjekt selbsternannter „Lebensschützer“. Sprich: fundamentalistischer Abtreibungsgegner.

Anzeigen selbsternannter „Lebensschützer“

„Es hat inzwischen wieder nachgelassen“, berichtet Hänel. Die Hassbotschaften sind weniger, die Solidarität ist größer geworden. Eine Abschaffung des Paragrafen 219a scheint zumindest nicht mehr unrealistisch. Doch noch gibt es ihn. Für fundamentalistische Abtreibungsgegner bleibt er das wichtigste Instrument, um gegen Medizinerinnen und Mediziner vorzugehen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Auch in Hessen.

„Ich habe mich, ehrlich gesagt, lange nicht für den Paragrafen 219a interessiert“, sagt die Kasseler Ärztin Nora Szacz. Das änderte sich, als sie im April 2017 von der zuständigen Staatsanwaltschaft erfuhr, dass gegen sie und ihre Kollegin Natascha Nicklaus, mit der sie eine Gemeinschaftspraxis betreibt, ermittelt wird. Anlass ist ein kleiner Vermerk auf der Internetseite ihrer Praxis: „Schwangerschaftsabbruch, operativ oder medikamentös mit Mifegyne“. Inzwischen wurde gegen beide Ärztinnen Anklage erhoben.

Anzeige erstatten meist christlich-fundamentalistische Abtreibungsgegner. Zu den umtriebigsten gehört Klaus Günter Annen aus dem baden-württembergischen Weinheim. Der Vorsitzende der Initiative „Nie Wieder“ und Betreiber der Seite babykaust.de hat bereits zahlreiche Mediziner auf Grundlage von Paragraf 219a angezeigt. Auf seiner Webseite setzt er Abtreibungen mit dem Holocaust gleich und führt Listen von Ärzten, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Diese bezeichnet er als „Tötungsspezialisten“.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen