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Wasserwerk in Mernes Ungeliebter Schatz

Das Wasserwerk im Spessartdorf Mernes verfällt. Frankfurt hat den Sanierungsfall aufgrund eines 100 Jahre alten Vertrages am Hals und würde ihn gern loswerden. Bürger kämpfen für den Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes

Jürgen Eyding will das Wasserwerk retten. Foto: Jürgen Eyding

Das Wasserwerk im Spessartdorf Mernes verfällt. Frankfurt hat den Sanierungsfall aufgrund eines 100 Jahre alten Vertrages am Hals und würde ihn gern loswerden. Bürger kämpfen für den Erhalt des denkmalgeschützten Gebäudes

Jürgen Eyding hat eine Vision. Er zeigt auf die mächtigen rostigen Antriebsräder der alten Pumpen, auf den hoch emporragenden Windkessel in der Mitte des mehrere Meter hohen Raums. Museumsreife Ausstellungsstücke, die man zur Seite rücken könnte, dann wäre viel Platz auf den weißen Fliesen. Und vorne, wo derzeit noch eine Treppe zu dem großen Wasserbecken hinunterführt, könnte eine kleine Bühne entstehen.

Konzerte, Theater, Ausstellungen – man stellt es sich vor, wenn Eyding ins Schwärmen gerät. Die Lage ist traumhaft, das denkmalgeschützte Jugendstilgebäude steht am Ufer eines Seitenarms der Jossa, verströmt den Charme von Industriekultur inmitten ländlicher Idylle. Von einem aus altem Stein gemauerten, moosüberzogenen Wasserbehälter streift der Blick über den Wiesengrund. Es ist sehr, sehr still, obwohl die Durchgangsstraße nicht weit weg ist. Vormittags, wenn die Pendler weg sind, fließt nicht viel Verkehr in Mernes. Und nur sehr wenige Menschen sind unterwegs.

Der Sanierungsstau ist groß

Jürgen Eyding hat auch einen Alptraum. Das Wasserwerk, das in diesem Jahr 100 Jahre alt wird und heute noch die rund 800 Bürger von Mernes versorgt, könnte bald stillgelegt werden und enden wie das Pumpenwärterhaus, das ein paar Meter weiter Richtung Straße einen traurigen Anblick bietet. Die Farbe der Fensterrahmen ist abgeblättert, die Wände feucht, Wasser drang durch das Dach ein und sickerte bis in den Keller. Zumindest das Dach wurde jetzt erneuert, doch der Sanierungsstau ist groß. Deswegen hat Jürgen Eyding schon viele höfliche Briefe nach Frankfurt geschrieben, an Ämter, an Petra Roth, nach seiner Wahl an Peter Feldmann.

Denn Mernes ist versorgungstechnisch eng mit der gut eine Autostunde entfernten Großstadt verbunden. Frankfurt ist seit 1952 Eigentümer des Wasserwerks samt dazugehörigem Pumpenwärterhaus. In jenem Jahr hatte der damalige Oberbürgermeister Walter Kolb einen Erbbaurechtsvertrag mit der Kurstadt Bad Orb geschlossen, um das Schullandheim Wegscheide mit seiner wechselvollen Geschichte wieder für Frankfurter Schulen nutzbar zu machen. Dazu gehörte auch das Wasserwerk, aus dem das Wasser stammt, das Generationen von Schülern seitdem auf ihren Klassenfahrten in der Wegscheide tranken.

Schuld sind eigentlich die Preußen. Sie wollten 1913 einen großen Schieß- und Truppenübungsplatz im nahegelegenen Weiler Villbach bauen, auf der Wegscheide sollte das dazugehörige Militärlager für 7000 Soldaten mit ihren Pferden entstehen. Weil das nur zehn Kilometer entfernt liegende Mernes eine ergiebige Quelle hatte, schloss der preußische Militär-Fiskus einen Vertrag mit der Gemeinde, der den Bau des für ein kleines Dorf viel zu großen Wasserwerks aktenkundig machte.

Der damalige Bürgermeister muss ein geschickter Verhandlungsführer gewesen sein. Er schlug für seine Bürger auf unbegrenzte Zeit die kostenlose Wasserversorgung mit bis zu 200 Kubikmetern pro Tag heraus, dazu das Löschwasser im Fall einer Feuersbrunst. Eine Klausel im Vertrag, die jeder weitere Eigentümer bis in alle Ewigkeit übernehmen muss. Den Anstieg der Wasserpreise und die Unterhaltungskosten für in die Jahre gekommene technische Bauten hatte damals wohl keiner im Blick. All dies hat Jürgen Eyding in intensiver Recherche herausgearbeitet und niedergeschrieben.

Wasserwerk ist Identifikationsmerkmal

Im Arbeitszimmer seines Einfamilienhauses hoch oben am Hang, von dem man das Wasserwerk sehen kann, füllt die Korrespondenz inzwischen einen dicken Aktenordner. Der pensionierte Lehrer kümmert sich seit 2007 intensiv um das historische Gebäude, hat 2009 einen Förderverein gegründet, der sich für dessen Erhalt einsetzt. Eyding lebt seit 22 Jahren in Mernes und sorgt sich um seine Wahlheimat. Das Dorf überaltert, die Einwohnerzahlen gehen zurück, wie überall im ländlichen Raum.

Schon als Ortsvorsteher machte sich der Parteilose seit 2007 Gedanken, wie Politik und Bürger gegensteuern könnten, arbeitete in einer Dorfideenschmiede mit, die nach geeigneten Projekten für Landesmittel aus dem integrierten kommunalen Entwicklungskonzept (IKEK), dem Nachfolger des Dorferneuerungsprogramms, suchte.

Das Wasserwerk als wesentliches Identifikationsmerkmal des Dorfes sei förderungswürdig, sagt Eyding, es könnte den Ort beleben. Ein Premium-Wanderweg führt in der Nähe vorbei, eine Schautafel weist es als Sehenswürdigkeit aus. Mehrere Vorstöße, die attraktive Halle für einzelne Filmvorführungen und Konzerte zu nutzen, scheiterten, weil hygienische Gründe eine temporäre Nutzung verbieten, solange noch Trinkwasser fließt. Auch mit dem Landesamt für Denkmalpflege ist der Mann in Kontakt. Die Behörde lobt sein Engagement, doch passieren kann nichts, bevor die verzwickte Vertragslage nicht geklärt ist.

Beteiligt sind drei Kommunen, doch handeln müsste die Stadt Frankfurt. In einem ersten Schritt hat sie die Wasserversorgung der Wegscheide abgekoppelt, eine 1,2 Millionen Euro teure Leitung nach Bad Orb legen lassen. Seitdem liefert die Kurstadt das Wasser für das Schullandheim, das nun nicht mehr regelmäßig von Mernes durch marode Leitungen den Berg hinaufgepumpt werden muss. „Wir könnten auch Mernes mit Wasser beliefern“, sagt Manfred Walter, Geschäftsführer der Wasserversorgung in Bad Orb, „aber bisher verhandelt niemand mit uns.“

Frankfurt will seiner Verpflichtung nachkommen

Es passiert nicht viel in Frankfurt, klagt Eyding. Mark Gellert, Sprecher des Planungsdezernats der Stadt Frankfurt, sagt dazu: „Wir haben keinen Zeitplan, wir prüfen derzeit, ob es wirtschaftlich sinnvolle Alternativen gibt, Mernes mit Wasser zu versorgen. Klar ist, dass wir der 100 Jahre alten Verpflichtung nachkommen müssen.“ Von der profitieren die Dörfler bis heute, zahlen nur 1,35 Euro pro Kubikmeter Wasser, 80 Cent weniger als in den benachbarten Stadtteilen.

Frankfurt muss liefern, solange der Erbbaurechtsvertrag gilt, also bis zum Jahr 2051. Das marode Bauwerk wäre man offenbar gern vorher los. „Wir eruieren gerade, ob wir das Gebäude vorzeitig an Bad Orb zurückgeben können“, sagt Gellert. Wie teuer eine Sanierung käme, sei bisher nicht ermittelt worden. Schätzungen gibt es nur für das Pumpenwärterhaus, dessen neues Dach 175 000 Euro gekostet hatte. Zusätzlich „ein hoher sechsstelliger Betrag“ müsse für eine weitere Nutzung investiert werden, sagt Gellert.

Einen solch teuren Sanierungsfall wird wohl kaum einer haben wollen, auch die Stadt Bad Soden-Salmünster nicht, die derzeit in der Frage des Wasserwerks „keinen Handlungsbedarf sieht“, wie der dort zuständige Geograph Johannes Michel erklärt. Eydings Hoffnungen ruhen auf Frankfurt. Die Großstadt müsse sich ihrer Verantwortung für den Denkmalschutz stellen und wenigstens die nötigsten Reparaturen an dem Wasserwerk vornehmen, fordert Eyding, damit eine anderweitige Nutzung überhaupt bezahlbar werden könnte. Ob es angesichts dieser Widrigkeiten in absehbarer Zeit eine Lösung geben wird, ist ungewiss. Mit dem Förderverein arbeitet Jürgen Eyding derzeit ein Nutzungskonzept aus, will mit allen Verantwortlichen weiter Gespräche führen. Aufgeben will er auf keinen Fall, er hat schließlich eine Vision.

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