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Vor der Schulwahl (VI) Der vierte Weg

Förderschulen arbeiten zumeist im Stillen, erreichen bisweilen aber erstaunliche Ergebnisse. Von Martin Müller-Bialon

21.01.2009 00:01
MARTIN MÜLLER-BIALON
Kinderdienst: Politiker sprechen ueber das Turbo-Abi
Für das G 8 brauchen Schulen mehr Geld und Personal. Foto: ddp

Nomen est omen. Diese Weisheit gilt insbesondere für Schulen, deren Schüler einen besonderen Förderbedarf haben. Begriffe können hier leicht ausgrenzenden Charakter haben. Aktion Sorgenkind war so einer, oder auch Sonderschule. Deshalb heißt es heute auch Aktion Mensch - und Förderschule.

Es gäbe noch einige weitere Begriffe, über die man mal nachdenken könnte, weil sie ein Licht auf das dahinter stehende Menschenbild werfen. "Praktisch-bildbar" ist so einer. Gemeint ist mit dem technokratisch-verschwurbelten Wort eine geistige Behinderung, ein Mensch also, der angeblich besser mit den Händen als mit dem Kopf arbeiten kann. Anthroposophisch orientierte Förderschulen nennen solche Kinder "seelenpflegebedürftig".

Ginge es nach dem Willen des Bildungsdezernats, so dürfte es eigentlich gar keine Förderschulen mehr geben. Denn Dezernentin Jutta Ebeling (Grüne) vertritt die Ansicht, dass der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ausgebaut werden sollte. Damit stößt sie allerdings beim Land auf Widerstand. Die Förderung so genannter GU-Klassen in Regelschulen ist vom Kultusministerium in den vergangenen Jahren zurückgefahren worden. So wurde an der Römerstadtschule eine GU-Klasse auf Veranlassung des staatlichen Schulamts dichtgemacht.

Der integrative Unterricht ist in Frankfurt mangels Unterstützung vom Land über einzelne Ansätze noch nicht hinausgekommen. Stattdessen schreitet die Selektion der Schüler voran. In Nied etwa wird nun, weil die Mosaikschule aus allen Nähten platzt, eine weitere Schule für "praktisch Bildbare" gebaut.

Die meisten der 16 Förderschulen führen ein eher stilles Dasein. Sie richten sich an unterschiedliche Kinder und Jugendliche. Die meisten leisten "Erziehungshilfe" für Schüler, die in der Regelschule nicht mehr zurecht kommen. Dort ist das klare Ziel, die Kinder wieder in eine Regelschule zu integrieren. Andere Schulen nehmen körperlich, wieder andere mental beeinträchtigte Kinder auf. Daneben haben sich Spezialschulen für Seh- oder Sprachbehinderte etabliert. Haupt- oder Realschulabschlüsse bieten die meisten an.

Gelernt wird in den Förderschulen zumeist in sehr kleinen Gruppen (sechs bis acht Kinder), bei intensiver Betreuung. Die kleinste Frankfurter Schule überhaupt dürfte die Bertold-Simonsohn-Schule im Gallus sein, die in drei Klassen gerade mal 24 Kinder unterrichtet.

Öffentliche Aufmerksamkeit gab es nur bei Umbenennungen

Öffentliche Aufmerksamkeit gab es in den vergangenen Jahren fast nur, wenn es um Umbenennungen ging. So wurde aus der Albert-Griesinger-Schule die Mosaikschule, aus der August-Henze-Schule für Sprachbehinderte die Weißfrauenschule und aus der Heinrich-Steul-Schule für Körperbehinderte die Viktor-Frankl-Schule. Grund der Namensänderungen war jedes Mal die Verstrickung der alten Namenspatrone in die Nazi-Diktatur.

Als einzige Förderschule hat die Weißfrauenschule mit ihrem pädagogischen Konzept für öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt. Die Sprachheilschule im Bahnhofsviertel hat ein sehr erfolgreiches Konzept zur Berufsvorbereitung ihrer Schüler entwickelt. Bereits ab Klasse sieben machen die Kinder Betriebspraktika, in der achten Klasse gibt es kontinuierliche Praxistage. Dank intensiver Betreuung der Lehrer, die die Kinder auch in den Betrieben besuchen, kann die Schule auf eine vergleichsweise hohe Vermittlungsquote in Ausbildungsberufe - bis zu 50 Prozent - verweisen.

Damit arbeitet die Förderschule erfolgreicher als die meisten Hauptschulen. Für ihr Konzept ist sie bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet worden. Ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig die Tilgung des Namens Sonderschule war. Die Schüler auf diesen Schulen sind bisweilen ein wenig anders, sie müssen deshalb aber nicht ab- oder ausgesondert werden.

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