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Tödlicher S-Bahn-Unfall „Er ist unser Held“

Mustafa Alptug S. bezahlte seine Hilfsbereitschaft mit dem Leben. Beim Totengebet ehren ihn mehrere Hundert Menschen.

Mustafa Alptug S.
Für den tödlich verunglückten Mustafa Alptug S. wurden unter großer Anteilnahme Trauergebete gehalten. Foto: Renate Hoyer

Viele Trauernde haben sich ein Foto von Mustafa Alptug angesteckt, in der Nähe ihres Herzens. Sie stehen dicht an dicht vor der Moschee des Islamischen Vereins in der Hanauer Gärtnerstraße. Der Vorplatz reicht nicht für all die Menschen, die den 17-Jährigen ehren wollen, sie füllen auch die Straße und den Platz gegenüber. Vereint in ihren Tränen, ihrer Fassungslosigkeit, aber auch im Stolz auf den jungen Muslim mit türkischen Wurzeln.

„Wer einem Menschen das Leben rettet, so ist es, als habe er die ganze Menschheit gerettet“, sagt Imam Macit Bozkurt über Mustafa Alptug ins Mikrofon. „Mit seinem Abschied lehrte er uns, Zivilcourage zu zeigen, aufmerksam zu sein, uns für das Wohl anderer, egal welcher Religion, Herkunft oder Abstammung sie sein mögen, einzusetzen.“ Dann sagt er dreimal: „Er ist unser Held.“ Und: „Er wird im Paradies seine Heimat finden.“  

Gestorben bei selbstloser Hilfe 

Mehrere Hundert Verwandte, Freunde, Bekannte und andere Bürger haben sich am Freitag zu einem bewegenden Totengebet versammelt. Der Schüler starb am Dienstag. Er war ins Gleisbett der S-Bahn-Station Ostendstraße in Frankfurt gesprungen, um einen betrunkenen und hilflosen Obdachlosen zu retten. Wenig später wurde Mustafa Alptug von einer Bahn erfasst und erlag am Unfallort seinen Verletzungen. Der 44-Jährige Betrunkene aus Kasachstan überlebte schwer verletzt, ein zweiter 44-jähriger Obdachloser, der aus Indien stammt und ebenfalls helfen wollte, wurde leicht verletzt.  

Schwere Vorwürfe an die Bahn 

Die Schmerzen der Familie sind grenzenlos, auch Mustafa Alptugs Onkel Yasin Kurt leidet. Aber es ist ihm wichtig, etwas zu sagen – auch damit nicht noch ein Mensch so sterben müsse. „Es waren so viele Leute in der S-Bahn-Station. Warum haben nur ein 17-Jähriger und ein 44-jähriger Obdachloser geholfen? Warum waren die Notruftelefone abmontiert, gibt es keine Videoüberwachung und auch keine Notsignalschalter, die eine Bremsung einleiten können?“, fragt er. In seine Trauer mischt sich Wut, etwa über den Hinweis der Bahn, dass man auch mit dem Handy die 112 wählen könnte. So etwas dauere viel zu lange, sagt Kurt und fordert eindringlich ein wirksames Sicherheitssystem. Er bemängelt auch die für seine Familie schmerzhafte, von der Polizei geäußerte Vermutung kurz nach dem Vorfall, dass es sich womöglich um eine Mutprobe handelte.

Außerdem kursieren im Netz Fotos und Videos von dem Unglücksfall, eines zeigt den eingeklemmten Verstorbenen. Das macht seinen Onkel fassungslos: „Statt zu handeln, filmen diese Leute. Das ist unterlassene Hilfeleistung.“

Viele Trauernde stimmen mit ihm überein. Auch kritisieren sie, dass in Medien zunächst nur von einem 17-Jährigen die Rede war. Bei Straftaten würden Herkunft und Religion erwähnt, bei dieser Heldentat erstmal nicht.

Der Onkel will, dass der Fall umfassend aufgeklärt wird, auch der zeitliche Ablauf und die Geschwindigkeit der Bahn. Für die Anteilnahme und Hilfe in diesen Tagen hingegen ist er dankbar. Mustafa Alptug beschreibt er so, wie es alle anderen an diesem Nachmittag tun, als hilfsbereit, herzensgut. Er habe sich für Naturwissenschaften interessiert, in Frankfurt ein Praktikum gemacht und studieren wollen. 

„Hanau ist stolz, dass er ein Hanauer Bub war“

Stadtrat Thomas Morlock (FDP) sagt beim Gebet: „Hanau ist tief betroffen und beeindruckt von dem Mut, den er bewiesen hat.“ Und: „Alle wissen für immer, was für ein bemerkenswerter Mensch er war. Hanau ist stolz, dass er ein Hanauer Bub war.“

Später sollte er in die Türkei geflogen werden, um am Samstag in Nazili beigesetzt zu werden. Dort, wo seine Familie herkommt. Es ist seine letzte Reise, aber er wird nicht in Vergessenheit geraten. Selma Yilmaz Ilkhan, Vorsitzende des Ausländerbeirates, kündigt an, dass das Fußballturnier des Beirates nach Mustafa Alptug benannt wird und er für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen wird. Ilkhans Kollege Mustafa Kaynak fügt hinzu, man könnte auch dem Park im Freigericht-Viertel, wo Mustafa aufwuchs, dessen Namen geben: „Für uns ist er ein Märtyrer.“

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