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ÖPNV in Hessen Verkehr in Ballungsgebieten am Limit

Der Frankfurter S-Bahntunnel ist ein Beispiel für die Lage des Nahverkehrs in den Ballungszentren. Die Kapazitätsgrenze ist erreicht. Der Bau eines neuen Stellwerks kann daran nichts ändern.

14.03.2016 15:17
Bahnen des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV). Foto: dpa

Dass Autos in den Städten mehr Verkehrsprobleme bringen als lösen, ist klar. Aber auch der öffentliche Verkehr stößt jetzt an Grenzen - zumindest in den Ballungsgebieten, die immer mehr Menschen anziehen. Der Frankfurter S-Bahntunnel zeigt beispielhaft, wie eng es schon ist. Die Stadt hat inzwischen mehr als 700 000 Einwohner, tagsüber wird sie durch die Pendler zur Millionenstadt.

Wie viele Menschen sind mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Rhein-Main-Gebiet unterwegs?
Der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) befördert nach eigenen Angaben in Bussen und Bahnen täglich rund 2,5 Millionen Fahrgäste, allein mit den S-Bahnen eine halbe Million. Im Verbundgebiet zwischen Mainz und Hanau, Darmstadt und Gießen leben rund fünf Millionen Menschen. Im vergangenen Jahr wurden 722 Millionen Fahrgäste gezählt, gegenüber 2014 ein Plus von sieben Millionen. Die Statistik listet «Beförderungsfälle» auf, das heißt, wenn Menschen mehrmals täglich fahren, werden sie auch mehrmals gezählt.

Wie sehen die Prognosen aus?
Die Zahlen zeigen weiter nach oben. Prognosen gingen von einem Wachstum des Verkehrs um acht Prozent und der Pendlerströme um zwölf Prozent in den nächsten Jahren aus, sagte RMV-Geschäftsführer Knut Ringat vor einem Jahr. Alles konzentriere sich auf die Ballungsräume. Bundesweit lag die Zahl der Fahrgäste im Nahverkehr 2015 bei über elf Milliarden.

Reicht für den erwarteten Zuwachs die Kapazität des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV)?
«Das System ist schon mehr oder weniger ausgereizt», sagt Verkehrswissenschaftler Josef Becker von der Frankfurt University of Applied Sciences. Das gelte vor allem für das S-Bahnnetz, das vielfach als Rückgrat des Nahverkehrs in Frankfurt bezeichnet wird. «Im Prinzip haben wir die Infrastruktur von vor 40 Jahren, die den heutigen Bedürfnissen nur noch bedingt gerecht wird.»

Wo ist der größte Engpass?
Der S-Bahntunnel unter der City, gebaut in den 1970er Jahren, gilt als Nadelöhr. Die 6,4 Kilometer lange Tunnelstrecke zwischen dem Hauptbahnhof im Westen über die Stationen Hauptwache und Konstablerwache im Zentrum bis nach Frankfurt-Mühlberg im Süden ist eine der meistbefahrenen Bahnstrecken in Deutschland. Acht der neun S-Bahnlinien fahren durch die Röhre. Sie bringen Pendler im Minutentakt aus allen Richtungen in die Stadt und sind auch innerstädtisch eine schnelle Verbindung. Zwar wurden neue Fahrzeuge angeschafft, aber sie sind in der Länge begrenzt, und Doppelstockzüge passen nicht in den Tunnel. 2018 soll ein elektronisches Stellwerk das alte aus dem Jahr 1978 ersetzen. Es wird aber an der Kapazität nichts ändern.

Was könnte Entlastung bringen?
Der Ausbau der Zulaufstrecken zum Frankfurter Hauptbahnhof hin könne helfen. «Dann kann zwar keine zusätzliche S-Bahn durch den Tunnel fahren, aber man kann neue Regionalbahnangebote machen, die dann gezielt entlasten», sagt Becker. Vor allem Bahnen aus Westen seien bis zum Hauptbahnhof regelmäßig sehr voll, dort stiegen viele Menschen aus.

Gibt es Planungen für zusätzliche Regionalverbindungen?
Mehrere Strecken sind in der Planung. So soll die nordmainische S-Bahn den Osten besser an die Frankfurter City anbinden, eine Westtangente soll an der City vorbei zum Flughafen und nach Südhessen führen. Beide Projekte sind in einem frühen Stadium. Am weitesten fortgeschritten ist die Verbindung zum Büroviertel «Gateway Gardens» am Flughafen, die 2019 fertig sein soll.

Gibt es Alternativen zum ÖPNV?
Der ÖPNV sei gerade in Ballungsgebieten unersetzlich, sagt Verkehrsforscher Becker. «Letztlich brauchen wir ein ausdifferenziertes System, in dem der Individualverkehr, der ÖPNV und alle Verkehrsträger zusammenwirken.»

Kann mehr Fahrradverkehr Entlastung bringen?
Für kurze Entfernungen könnte das Fahrrad den Verkehrsmix ergänzen, nicht aber im Regionalverkehr, meint Becker. Ebenso wenig wie das Auto sei aber das Fahrrad ein Ersatz für Busse und Bahnen. Und auch auf Zweiräder sind die Verkehrswege überhaupt nicht eingerichtet. Die Verkehrsplanung sei immer noch auf dem Stand der 60er und 70er Jahre, als sich alles um das Auto drehte, sagt Siegfried Brockmann, Unfallforscher der Versicherer. Einfach Striche auf die Straße zu malen, sei zu wenig. (dpa)

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