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Nordmainische S-Bahn Familie Boll verliert ihr Zuhause

Für das Projekt Nordmainische S-Bahn werden Privatleute enteignet, Anwohner fürchten Lärm und Erschütterungen.

„The East“
Unter dem Gebäudekomplex „The East“ an der Hanauer Landstraße fährt die Nordmainische künftig hindurch. Die Bauarbeiten werden wohl sehr laut. Foto: C. Boeckheler

Barbara Boll und ihr Mann wohnen in einem ehemaligen Bahnwärterhaus an den Gleisen zwischen Frankfurt und Maintal-Bischofsheim, am Wilhelmsbader Weg 6. Das Grundstück ist mehr als 600 Quadratmeter groß. Die Familie züchtet Bienen, sie haben 30 Völker. „Mein Mann wohnt seit 70 Jahren hier“, sagte Barbara Boll, „er ist fast hier geboren.“

Für die nordmainische S-Bahn muss Familie Boll ihr Zuhause aufgeben. Die Deutsche Bahn will das Gebäude abreißen, um zwei neue Gleise zu errichten, außerdem fallen mehr als 400 Quadratmeter von dem Grundstück weg. Weil die S-Bahn dem Allgemeinwohl dient, darf das Grundstück enteignet werden. Familie Boll wird entschädigt. Aber wann?

„Ich weiß, uns steht die Summe erst zu, wenn der Planfeststellungsbeschluss gefasst ist. Aber vielleicht könnten Sie uns vorziehen“, fragte Barbara Boll beim Erörterungstermin am Dienstag im Saalbau Gallus. Erst dann könne die schwierige Suche nach einem neuen Grundstück mit Platz für die Bienenvölker beginnen. DB-Projektleiterin Belgin Baser erinnerte daran, dass die Bahn die Städte Maintal und Frankfurt angeschrieben habe, um Ersatz zu finden. Ohne Erfolg. „Vielleicht sollten Sie einen Makler hinzuziehen“, regte Christine von Knebel an, die für das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt die Erörterung leitete. Die Bahn will nun auf Familie Boll zukommen, falls die Entschädigung vorzeitig fließen kann oder ein Grundstück gefunden ist.

Teilweise enteignet werden derzeit zahlreiche Eigentümer für den Gleisbau zwischen Frankfurt, Maintal und Hanau. Wie viele Grundstücke betroffen sind, kann die Deutsche Bahn am Dienstag auf Nachfrage nicht sagen. Mehr als ein Dutzend allemal, wird geschätzt. Allein im Frankfurter Abschnitt haben neun Privatleute Einwendungen vorgebracht.

Die Collodin-Klebstoffwerke an der Vilbeler Landstraße 20 sollen drei Flurstücke teilweise abtreten – auf einem sei eine Feuerwehrzufahrt, auf dem anderen soll eine Gasleitung verlegt werden. Wie das mit der nordmainischen S-Bahn zu vereinbaren ist, sollten Eigentümer und DB nach der Erörterung im Dialog klären, sagt Christine von Knebel. Am Lidl-Markt in der Hanauer Landstraße 519, nahe der Casellastraße, stellt sich die Frage nach dem Brandschutz. Der Abstand zur geplanten Lärmschutzwand sei mit 2,75 Metern statt der erforderlichen drei Meter zu gering.

Komplizierter ist es beim Gebäudekomplex „The East“ zwischen Hanauer Landstraße und Ostbahnhofstraße. Die Anwohner leben in 177 Mietwohnungen. Ein Viersternehotel bietet 168 Zimmer an. Rewe, DM, Apotheke sind dort untergebracht. „Es ist ein Stadtteil in der Stadt“, sagt der Anwalt des Eigentümers Rex The East Sarl aus Luxemburg.

Unter dem Gebäude soll der Tunnel für die nordmainische S-Bahn verlaufen – zwei eingleisige Röhren von der Konstablerwache zum unterirdischen Bahnhof Frankfurt-Ost. Der Anwalt befürchtet „eine umfassende Betroffenheit“ während der Bauzeit und danach. In der Louis-Appia-Passage, welche die Gebäudeteile des „The East“ trennt, müsse die Bahn Schachtbauwerke errichten, die sich direkt an der Hauswand befänden. Beim Einbringen der Bohrpfahlwände würden die Grenzwerte für Lärm überschritten, sagte der von der Bahn beauftragte Schallschutzgutachter Peter Fritz.

Der Anwalt von „The East“ rechnet daher mit „Mietausfällen über Wochen“ und forderte eine Entschädigung. Christine von Knebel regte ein „Konzept zur Lärmminderung als Teil des Baulärmgutachtens“ an, das Teil der Planfeststellung werden soll. „Es gibt keine Maßnahmen der Welt, um dort die Richtwerte nach AVA Baulärm einzuhalten“, sagte indes Peter Fritz. Der Anwalt sah wiederum den Brandschutz beeinträchtigt, weil sich die Schächte an Notausgängen befänden.

Barbara Boll aus Fechenheim fragte nach, was mit den verbleibenden 200 Quadratmetern ihres Grundstücks geschehen solle und verwies auf den städtischen Bebauungsplan Nummer 921. Dazu konnte am Dienstag bei der Erörterung aber kein Vertreter der Stadt Stellung nehmen, was Christine von Knebel kritisierte.

Der Sprecher des Planungsdezernats sagte der FR später auf Nachfrage, der Bebauungsplan für das angedachte interkommunale Gewerbegebiet zwischen Frankfurt und Maintal sei in einer frühen Phase. Nötige Beschlüsse der Stadtverordneten und ein städtebauliches Konzept fehlten noch.

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