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Nahverkehr Ärger über Tunnelsperrung

Verspätungen, Desinformation, überfüllte Busse und Bahnen: Seit der Sperrung des S-Bahn-Tunnels läuft im Nahverkehr einiges schief. Alles nur Einzelfälle, sagen die Betreiber.

Wo geht es zum Gruppenkuscheln? Da runter? U4? Ah, alles klar. Foto: Andreas Arnold

Der Ersatzverkehr laufe alles andere als routiniert und problemlos. Nichts sei paletti seitdem der S-Bahn-Tunnel gesperrt ist, sagt Peter Blümmel. Der Mühlheimer arbeitet am Flughafen, nutzt seit vergangener Woche den Ersatzbus zwischen Offenbach Ost und Airport. „An drei Tagen hintereinander hatte der erste Bus morgens um 04.52 Uhr Verspätung“, berichtet er erbost. „15 Minuten, 7 Minuten und 13 Minuten.“ Ein unerklärbarer Umstand: „Dieser erste Bus kommt direkt vom Depot, also ohne Umlaufverspätung.“

Der Mühlheimer ist nicht der Einzige, der sich an die Frankfurter Rundschau wendete. Auch Thomas Laumann ist sauer. „Mit dem halbierten Angebot auf der S1 von Wiesbaden bis zum Hauptbahnhof kann man sich ja noch arrangieren“, sagt der Hattersheimer. „Aber von dort weiter zum Eschenheimer Tor beziehungsweise umgekehrt zu gelangen, erfordert schon starke Nerven und ist nichts für Leute mit Platzangst.“ Zur Rushhour sei die Fahrt eine Zumutung. „Trauben von Menschen warten an den Bahnsteigen der U4 am Hauptbahnhof und am Willy-Brandt-Platz auf eine der nur im Fünf-Minuten-Abstand verkehrenden Bahnen der U4.“

Einzelschicksale? Nach offizieller Darstellung schon. „Wegen der Tunnelsperrung gibt es so gut wie keine Beschwerden“, heißt es unisono bei der Deutschen Bahn, beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) und auch bei der Frankfurter VGF. Groß sei hingegen das Informationsbedürfnis der Kunden. Ob digital oder analog – Fragen nach dem Wie-komme-ich-wohin gebe es zuhauf. Die vor Ort postierten Serviceteams hätten alle Hände voll zu tun, sagt RMV-Sprecherin Petra Eckweiler. „Viele Fragen betreffen den Flughafen, wir sind ja mitten in den Sommerferien.“ Gut kämen auch die Mitarbeiter an, die an Stationen oder in Zügen Snacks und Süßigkeiten verteilen – am Dienstagmorgen waren sie an der Galluswarte. „Das ist eine Art Wiedergutmachung.“

In Neu-Isenburg gestrandet

Das halbierte Angebot bei den S-Bahnen begründet Eckweiler damit, dass es sonst am Hauptbahnhof zu eng würde. Für den Offenbacher Flughafenbus ist die Deutsche Bahn zuständig. „Wir werden das prüfen“, sagt Sprecher Thomas Bischoff. „Ich nehme das sehr ernst.“ Denn Blümmel weiß nicht nur von Verspätungen zu berichten. Bei der Rückfahrt am Montag habe der ablösende Fahrer keinen Schlüssel gehabt, keinen Fahrplan und keine Streckenkenntnis. „Der abgelöste Fahrer bat einen Fahrgast, dem Fahrer den Weg zu zeigen.“ Zuvor habe ein Mitreisender beiläufig erwähnt, der Bus sei am Freitag versehentlich in Neu-Isenburg gestrandet.

Die Organisation des U-Bahn-Verkehrs wiederum liegt in Händen von VGF und Traffiq, der Nahverkehrsgesellschaft. Die VGF gebe alles, was sie habe, versichert Traffiq-Sprecher Klaus Linek – sowohl an Kapazitäten bei den Fahrzeugen, als auch beim Personal. Die U4 verkehre alle fünf Minuten mit vier Wagenzügen mit insgesamt 700 Plätzen. Sie könne zwar nicht eine S-Bahn mit 1600 Plätzen ersetzen. „Aber man muss sich ein bisschen verteilen und manchmal wird es halt etwas kuschelig.“ Und lediglich einen Stehplatz zu bekommen – das sei für die kurze Distanz zumutbar. An mangelnden Kapazitäten liegt es nicht, sagt Linek, der einräumt, dass die U4 sich oft verspätete, weil sich dauernd noch Leute reinquetschen.

„Die Faktoren sind die Infrastruktur und der Mensch“, hat der Sprecher beobachtet: Die Fahrgäste knäulen sich alle an einem Fleck in der Haltestelle, drängeln sich dann in Trauben in den Wagen, der erfahrungsgemäß direkt vor der Rolltreppe stoppt. Einige Wagen dahinter oder davor hätten jede Menge Platz. „Doch unsere Fahrgäste sind schlau, die planen den optimalen Weg.“ Mitarbeiter der VGF bemühen sich, die Knäuel zu entwirren. Manche Passagiere sind einsichtig, andere nicht. Linek bittet folgende Regeln zu beachten: „Bitte durchgehen im Zug und zurückbleiben, statt noch in die schließende Tür zu springen.“ Gleiches gelte für die Situation auf der Mainzer Landstraße, wo die Trams zwischen Galluswarte und Hauptbahnhof derzeit alle drei Minuten verkehrten. „Lieber die volle Bahn fahren lassen, als die Tür zu blockieren.“

Alles also nur eine Frage der Disziplin? Der Verkehrsclub Deutschland (VCD), Landesverband Hessen, sieht das nicht so. „Wir freuen uns, dass die Deutsche Bahn, der RMV und Traffiq unsere Anregungen aus dem letzten Sommer aufgegriffen und die Kommunikation verbessert haben – sowohl online, als auch in den Zügen und Stationen“, sagt Sprecher Daniel Sidiani. Die Rückmeldungen der Kunden zeigen jedoch, dass es immer noch Verbesserungspotenzial gebe. „Bei der nächsten Sperrung 2018 hoffen wir deshalb auf weitere Lerneffekte.“

Doch auch das beste Ersatzangebot könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kunden unter Einschränkungen leiden müssen. „Es wäre deshalb absolut angemessen, wenn Zeitkarteninhaber für diese sechs Wochen mit einer kleinen Gutschrift entschädigt würden.“ Zudem zeige die aktuelle Situation wieder einmal, wie kritisch die Abhängigkeit des Rhein-Main-Gebiets von dem einen Bahntunnel sei. „Es wird höchste Zeit, dass der Bau der Regionaltangente West von Bad Homburg über Eschborn und Höchst zum Flughafen nach Neu-Isenburg beginnt“, sagt Sidiani.

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