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Marode Brücken Einige Brücken in Hessen sind abrissreif

Hessische Brücken sind noch nicht einsturzgefährdet - aber sie haben teils massive Schäden. Das zeigt eine aktuelle Brückenprüfung.

Salzbachtalbrücke
Mehr als 100 Millionen Euro wird es kosten, die marode Salzbachtalbrücke bei Wiesbaden abzureißen und neu zu bauen. Foto: Renate Hoyer

Da ist er, der Riss. Haarfein, vielleicht einen knappen Meter lang. Marco Schmidt zeigt auf die beiden Gipsmarken, die er vor ein paar Wochen auf den grauen Beton geklebt hat, quer über den winzigen, mit bloßem Auge kaum zu erkennenden Spalt. Der Gips würde reißen, wenn der Riss breiter würde. Beide Markierungen sind unversehrt. „Hat sich nicht vergrößert“, urteilt Schmidt. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte Nachricht lautet: Solche Haarrisse, wie sie das Tragwerk der Salzbachtalbrücke an der A66 bei Wiesbaden durchziehen, gehören dort überhaupt nicht hin. Ihr Auftreten ist Anlass zur Besorgnis. Und tatsächlich: Die Salzbachtalbrücke, errichtet 1963, ist abrissreif.

Hessenmobil, die für Straßen- und Verkehrsmanagement zuständige Landesbehörde, hat für diesen Donnerstag kurzfristig zum Ortstermin eingeladen – zu einer „arrangierten, aber authentischen Bauwerksprüfung“, wie Behördensprecherin Frauke Werner erläutert. Anlass ist – natürlich – der katastrophale Brückeneinsturz im italienischen Genua.

Schäden ja - aber nicht einsturzgefährdet 

„Niemand muss sich Sorgen machen, keine Brücke in Hessen ist einsturzgefährdet“, versichert Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) den zahlreich erschienenen Vertretern von Presse, Fernsehen und Radio. Und wenn doch? „Dann würde man sie unverzüglich sperren“, antwortet Al-Wazir.

Damit dies im Zweifel rechtzeitig geschehen kann, gibt es die Bauwerksprüfungen wie jene an der Salzbachtalbrücke, eine der marodesten im Land. Alle zwei Wochen wird hier nachgeschaut, ob sich Risse vergrößert haben oder neue Schäden entstanden sind.

Das ist gar nicht so einfach, schließlich ragen die wuchtigen Betonpfeiler bis zu 20 Meter in die Höhe. Obenauf liegt das aus Spannbeton gegossene Tragwerk, darauf schließlich die Fahrbahn. Da muss man erst einmal hochkommen. Vom Boden aus macht die Brücke noch einen ganz standfesten Eindruck, jedenfalls sind keine Löcher im Beton zu sehen, auch keine Rostflecken oder andere Schäden.

Um genauer hinsehen zu können, befördert ein Hubwagen mit großer Arbeitsbühne am Ausleger Bauingenieur Schmidt samt Minister und einem Teil des Pressetrosses nach oben. Vorsichtig fährt die Bühne an den oberen Brückenrand, bis auf Armeslänge heran an den Beton. So kann Schmidt mit einer Schablone mögliche Veränderungen erkennen. Seit 1999 ist er als Projektleiter für die Salzbachtalbrücke zuständig, da weiß man, wo man hinschauen muss.

„Hier auf der Sonnenseite treten die Risse am häufigsten auf“, erläutert der 49-Jährige. Kritisch seien auch jene Elemente der Brücke, die besonders durch den darüber rollenden Verkehr belastet seien, vor allem die Mittelteile der Fahrbahnen.

Mitunter legen die Mitarbeiter von Hessenmobil einen Riss frei, um nachzusehen, wie tief und lang er tatsächlich ist. Die deutlich erkennbaren Löcher im Beton sind also keine Schäden im eigentlichen Sinn, sondern dienen der Überwachung.

Verkehrsaufkommen massiv gestiegen 

Dass die nötig ist, machen schnell ein paar Zahlen klar. „Als hier gebaut wurde, hat man mit 20.000 bis 30.000 Fahrzeugen am Tag gerechnet“, erläutert Hessenmobil-Chef Burkhard Vieth. Aktuell seien es bis zu 90.000 Fahrzeuge täglich. Und viele davon Lastwagen, die mit ihren hohen Achslasten den 55 Jahre alten Spannbeton besonders strapazieren. „Es ist ein Bauwerk, dass uns Kopfschmerzen bereitet“, sagt Vieth.

Zweimal schon ist die Brücke „ertüchtigt“ worden, doch nun ist bald Schluss. Gerade montieren Arbeiter mächtige Stahlskelette an die Pfeiler, um deren Tragfähigkeit zu erhöhen. Während dann die eine Hälfte der Brücke abgerissen wird, soll der Verkehr auf der anderen Hälfte weiterrollen, wenn auch nur auf drei statt vier Spuren.

Anfang nächsten Jahres soll der Abriss beginnen, dann eine neue Brücke gebaut werden. Bis diese fertig ist, werden noch mindestens zehn bis 15 Jahre vergehen, schätzt Vieth. Bauingenieur Schmidt wird also voraussichtlich bis zu seiner Pensionierung von der Salzbachtalbrücke nicht loskommen.

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