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Main-Neckar-Ried-Express Schön, aber auch ganz schön spät

Massive Verspätungen, Durchsagen so laut wie Presslufthämmer, ruckartiges Bremsen: Die neuen Züge des Main-Neckar-Ried-Expresses fahren noch nicht so wie erwartet. Die Bahn verspricht Besserung.

Main-Neckar-Ried-Express
Der Main-Neckar-Ried-Express fährt zwischen Frankfurt, Mannheim und Heidelberg. Foto: Michael Bayer

Eigentlich will der Lokführer kurz vor Frankfurt nur darüber informieren, dass der Zug auf ein freies Gleis im Hauptbahnhof wartet. Ein Sachverhalt, der regelmäßige Bahnreisende kaum aufhorchen lässt - denn das ist fast immer so. Dass das Gelächter der Passagiere im Main-Neckar-Ried-Express dennoch groß ist, liegt an einer automatischen internen Ansage im Hintergrund, die die Lautsprecher ebenfalls in alle Wagen weiterreichen: „Störung, Störung, Störung“, erklingt da ohne Unterlass.

Die Ansage hätte es nicht gebraucht. Pendler und Reisende zwischen Wiesloch, Bensheim, Darmstadt und Frankfurt spüren in der ersten Woche nach der Umstellung selbst, dass es mit den nagelneuen Zügen noch nicht so ganz rund läuft. Schön sind sie zwar, und auch mit WLAN - aber oft auch ganz schön spät. Und manchmal fahren sie gar nicht.

Zugausfälle und Verspätungen beim Main-Neckar-Ried-Express

Gleich am ersten Werktag strandeten Hunderte Pendler auf dem Weg nach Frankfurt in Bickenbach. Am Dienstag fielen mehrere Züge komplett und ersatzlos aus. Am Donnerstag Abend warteten die Fahrgäste in Frankfurt 50 Minuten auf die Abfahrt. Am Freitag Morgen sammelte eine Regionalbahn eineinhalb Stunden Verspätung ein - und schaffte es nur bis Weinheim. Das sind nur einige Beispiele. Solche Fälle sind keine Kleinigkeit - bei bis zu 800 oft weitgehend belegten Sitzplätzen kommt schnell eine ordentliche Zahl von Betroffenen zusammen.

Genaues Hinsehen zeigt freilich: Schuld an den Ausfällen und Verzögerungen sind nicht immer die neuen doppelstöckigen Züge vom Typ Twindexx Vario. Am Dienstag beispielsweise gab es bei Egelsbach zwischen Darmstadt und Langen eines jener schrecklichen Ereignisse, die die Bahn als Personenunfälle bezeichnet - und für die das Schienenunternehmen am wenigsten kann. Folge sind aber gesperrte Strecken.

Und dennoch gibt es Ursachen, die mit dem neuen Main-Neckar-Ried-Express zu tun haben. Die Züge fahren mit zwei Hälften zwischen Frankfurt und Heidelberg; von Heidelberg bis Wiesloch und zurück aber nur mit einem Teil. Das nötige Kuppeln dauert offenbar nicht selten länger als im Fahrplan vorgesehen.

Ist der eingeplante Zeitslot auf den Schienen aber erst einmal verpasst, muss die Regionalbahn auf ihrer etwa hundertminütigen Fahrt immer wieder andere Züge passieren lassen - so werden aus anfänglich wenigen Minuten beim Ziel unter Umständen recht viele. Auf Nachfrage spricht die Deutsche Bahn von Anlaufschwierigkeiten. Die „Kuppelvorgänge“ würden jetzt „von zusätzlichem, intensiv geschulten Personal begleitet“.

Der Rhein-Main-Verkehrsverbund als Auftraggeber der Bahn räumt ein, die aktuellen Pünktlichkeitswerte der Linie RB68 „weichen deutlich von dem ab, was wir erwarten und vorher üblich war“. Ein Sprecher verweist auf den derzeit oft verspäteten Fernverkehr, der auf der Strecke Vorrang habe. „Von einem Fehlstart des Main-Neckar-Ried-Expresses können wir aber nicht sprechen“, fügt er hinzu.

Lokführer reden dagegen hinter vorgehaltener Hand von einem „Bananenprodukt“, wenn es um die neuen Züge geht: „Sie reifen beim Kunden - also jetzt im laufenden Betrieb.“ Immer andere Fehler würden im Cockpit gemeldet; manche der Warnungen verschwänden genauso plötzlich wie sie auftauchten. Im Zweifel bleibt der Zug in solchen Fällen stehen.

Durchsagen so laut wie Presslufthämmer

Neben der Pünktlichkeit sind es eher Kleinigkeiten, über die Pendler dann nicht mehr lachen. Dazu gehört die automatische Ansage der Stationen. Sie ist vielen zu laut eingestellt; eine Kundenbetreuerin musste während ihres Rundgangs innerhalb weniger Meter fünfmal beantworten, ob das auch leiser ginge. Eine einfache Messung der Frankfurter Rundschau mit einer Handy-App bezifferte den Geräuschpegel auf 80 bis 85 Dezibel. Manche Listen führen für diese Größenordnung einen Presslufthammer als Vergleich an. Vor allem morgendliche Pendler würden eher Bettruhe schätzen.

Warum das Personal die Lautsprecher nicht leiser dreht? Weil das nicht so einfach funktioniert, wie man meinen könnte. Die Deutsche Bahn informiert, sie lasse zeitnah ein Update der Zugsoftware durchführen, um die Lautstärke zu verändern.

Verschärfend kommt hinzu, dass der freundliche automatische Ansager in ausgesprochener Plauderlaune unterwegs ist. Nach jeder Station nennt er Ziel und nächsten Halt des Zugs, vor jedem Stopp erneut den Ort und die Ausstiegsseite - jeweils mit lautem Gong vorweg. In einer Regionalbahn, die teils im Abstand von wenigen Minuten hält, entsteht so eine Dauerberieselung.

So richtig in Schwung kommt der Automat vor größeren Bahnhöfen: Vor Darmstadt oder Frankfurt etwa ertönt zunächst die Ansage der Station auf Deutsch und dann Englisch, anschließend zweimal nacheinander eine wortgleiche Begrüßung der zugestiegenen Fahrgäste (die freilich noch auf dem Bahnsteig stehen) - und schließlich erneut zunächst auf Deutsch, dann auf Englisch den Hinweis auf den nächsten Halt, die Ausstiegsseite und Umstiegsmöglichkeiten.

Main-Neckar-Ried-Express zunächst ohne elektrische Bremse

In den ersten Tagen fiel schließlich auf, dass die Züge manchmal ruckartig und laut quietschend bremsen. Das deutet nicht auf modernes, elektrisch gesteuertes Halten hin, das auch Energie zurückgewinnt.

Die Deutsche Bahn bestätigt das: „Da die Zulassung für die neuen Fahrzeuge sehr kurzzeitig erfolgte, kommen im Regelbetrieb zunächst nur die Scheibenbremsen zum Einsatz.“ Sie verspricht: „Sobald die für den Betrieb der E-Bremse erforderliche Software in den nächsten Wochen aufgespielt ist, wird das Bremsen geschmeidiger.“

Damit kein falscher Gesamteindruck entsteht: Der Rhein-Main-Ried-Express ist eine deutliche Verbesserung. Mehr als das: Er hebt mit den zusätzlichen Verbindungen und spätestens, wenn alle neuen Züge ausgeliefert sind und auch auf der Riedbahn fahren, den Regionalverkehr in Südhessen auf ein neues Niveau. An Zuverlässigkeit und Servicequalität müssen Zughersteller Bombardier und Betreiber Deutsche Bahn aber noch hart arbeiten.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Main-Neckar-Ried-Express

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