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Lärmschutz in Rhein-Main Menschen kämpfen gegen Bahnlärm

Die Deutsche Bahn verstärkt in den nächsten sechs Jahren den Lärmschutz im Rheintal. Den Betroffenen geht das zu langsam. Die Politik soll den Druck erhöhen.

Güterzug in Boppard-Hirzenach
Ein ellenlanger Güterzug durchfährt Boppard-Hirzenach. Foto: Imago

Frank Gross nennt es „eine elende Geschichte“. Seit mehr als zehn Jahren kämpft der Vorsitzende der Bürgerinitiative Pro Rheintal gegen den zunehmenden Bahnlärm in der einzigartigen Kulturlandschaft mit dem Status eines Unesco-Welterbes. In dieser Zeit hat er viel von bürokratischen und technischen Hindernissen gehört.

Auch Versprechen gab es jede Menge. Solidaritätsbekundungen. Mit dem damaligen Bahnchef Rüdiger Grube und Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) hatte er sogar den Beirat „Leiseres Mittelrheintal“ ins Leben gerufen.

Doch die erhoffte spürbare Besserung lässt weiter auf sich warten. Und die jetzt von der Deutschen Bahn angekündigten Zusatzinvestitionen werden in absehbarer Zeit auch keine Entlastung bringen, befürchtet Gross. „Die entscheidenden Maßnahmen lassen weiter auf sich warten.“ Über die Gründe kann er nur spekulieren. „Vielleicht hat die Bahn keine Kapazitäten, keine Lust, oder es ist einfach ein müder Haufen, der nichts auf die Beine bringt.“

400 Güterzüge rattern am Tag durchs Tal der Loreley

Die Bundesvereinigung gegen Schienenlärm stärkt den Bürgerinitiativen den Rücken: „Die Geduld der Bürger an den Haupteisenbahnstrecken entlang des Rheins, derElbe, des Inns ist überstrapaziert und erschöpft“, schreibt der Verein und fordert anlässlich des heutigen internationalen Tages gegen Lärm eine realitätsgetreue Erfassung der Belastung der Bevölkerung durch Schienenlärm. Mehr als 30 lärmmedizinische Studien zeigten, dass die geltenden Vorschriften nicht ausreichen. „Das bürgerschaftliche Engagement vieler Lärmbetroffener verdient nicht nur Respekt und Anerkennung in Sonntagsreden, sondern endlich die verfassungsmäßig gebotene Reaktion der verantwortlichen Politik.“

Die Leute von Pro Rheintal fühlen sich alleinegelassen: Nirgendwo in Europa litten die Menschen so stark unter Bahnlärm wie bei ihnen. Und immer mehr Güterzüge rattern durch das schöne Tal der Loreley. Insgesamt rund 400 pro Tag sind es derzeit beidseits des Rheins, der Schall wird bis auf die Höhen hinauf getragen. Endlos lange Güterzüge, einige 40 bis 50 Jahre alt, erzeugten zum Teil mehr als 100 Dezibel.

Die Folgen sind unübersehbar: Leerstehende Häuser, den Hotels bleiben die Übernachtungsgäste weg, die Menschen ziehen fort, die Infrastruktur blutet aus. Wer zurückbleibt, leidet oft unter Kopfweh oder hohem Blutdruck, sagt Gross. Das weiß er aus der Befragung der Bewohner, die der Verein derzeit vornimmt. Im Sommer wird sie abgeschlossen, an der Auswertung werden sich Wissenschaftler und Kardiologen beteiligen.

Vor zwei Wochen hat die Deutsche Bahn weitere Investitionen in den Lärmschutz angekündigt. Sieben Gemeinden im Mittelrheintal sollen davon in den nächsten Jahren profitieren. „Die bisherigen Investitionen von rund 73 Millionen Euro werden sich erhöhen“, heißt es in der Ankündigung. Laut Finanzierungsvereinbarung von 2016 teilen sich das Bundesverkehrsministerium sowie die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen die Kosten für Planung und Bau.

Hinzu kämen zehn Millionen Euro der Deutschen Bahn für das akustische Schienenschleifen und zusätzliche Aufwendungen bei der Instandhaltung. Freiwillig fiel diese Entscheidung nicht: Der Grenzwert war im Januar 2016 von 60 auf 57 Dezibel gesenkt wurde. Deshalb haben Orte wie Bad Salzig, Oberwesel und Rhens jetzt ebenfalls ein Recht auf Lärmschutz.

Im Oktober dieses Jahres soll der Einbau von Schienenstegdämpfern bei Kaub beginnen, kündigt Klaus Vornhusen an, Konzernbevollmächtigter für das Land Hessen. Die anderen Verbesserungen bedürften wegen der Genehmigungsverfahren eines längeren Vorlaufs. Bis zum Jahr 2025 werde der Konzern weitere Lärmschutzwände und Geländerausfachungen realisieren.

Der Lärmpegel ist höchst gesundheitsgefährdend

Die langen Genehmigungsverfahren seien nur ein Vorwand, mutmaßt Gross. Die Erfahrung mit der Umrüstung der Güterzüge habe gezeigt, dass alleine der Wille ausschlaggebend sei. Gemeint ist die langjährige Debatte um den Einbau sogenannter Flüsterbremsen. Verbundsohlen, die im Gegensatz zu den Graugussbremsen die Schienen nicht aufrauen. Das verursacht die lauten und störenden Rollgeräusche.

Schallschutz an den Strecken und die Umrüstung der Güterwagen sind laut Bahn die zwei zentralen Bausteine, um den Schienenverkehrslärm bis 2020 zu halbieren. Bei der Umrüstung auf leise Sohlen habe der Konzern seine Aktivitäten nochmals verstärkt. Zum Jahresende fuhren demnach insgesamt rund 40 000 Güterwagen leiser durch Deutschland. In den Werkstätten der DB Cargo wurden weitere 7000 Wagen umgerüstet. Damit rollten mittlerweile rund zwei Drittel der Flotte auf leisen Sohlen. In diesem Jahr kämen mehr als 10 000 weitere hinzu, kündigt Andreas Gehlhaar an, Leiter Umwelt und Lärmschutzbeauftragter. „Wir wollen einen leisen Schienenverkehr und Anwohner an Bahnstrecken nachhaltig vor Lärm schützen.“

Solche Versprechen hat Pro-Rheintal-Vorsitzender Gross in der Vergangenheit mehr als genug gehört. Er fordert die Verantwortlichen auf, die Bevölkerung nicht länger hinzuhalten. Die Messungen der Landesämter in Hessen und Rheinland-Pfalz zeigten durchschnittliche Maximalpegel von 100 Dezibel und gemittelte Dauerschallpegel von 76 bis 78 Dezibel. „Das ist in höchstem Maße gesundheitsgefährdend.“ Die beiden Bundesländer, Zweckverband und Kommunen müssten unbedingt den Druck erhöhen sagt Gross. Er warnt: „Das Rheintal driftet uns davon, wenn jetzt nicht schnell gehandelt wird.“

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