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Lärmschutz in Hessen „Früher gab es höhere Emissionen“

Der Medizinphysiker Uwe Baumann spricht im FR-Interview über die Auswirkungen von Lärm, warum er Vergnügen bereitet und wie der Krach sich verändert hat.

Autoverkehr
Die Städte sind voller Geräusche. Der Autoverkehr trägt stark dazu bei. Foto: Andreas Arnold

Herr Baumann, was ist eigentlich Lärm?
Im Allgemeinen denkt man wahrscheinlich, dass es ein starkes Geräusch sein muss, aber das ist nicht richtig. Geräusche können schon bei niedrigen Schallpegeln als lästig und störend empfunden werden. Ein hellerer Klang klingt schärfer und wird deswegen von vielen als lästiger empfunden als ein dunkler Klang. Etwa das Quietschen von Kreide auf einer Tafel oder das Aneinanderreiben von Styropor. Lärm, der nicht laut ist, kann sich trotzdem negativ auf das Konzentrationsvermögen und auf die Leistung auswirken.

Was für Auswirkungen kann Lärm noch haben?
Bei den hohen Lärmpegeln, die höher als 85 Dezibel im Wochenmittel gehen, kann es zu Hörschäden kommen. Dabei werden im Innenohr die Haarzellen geschädigt. Das ist in der Regel unwiderruflich, da sich die Härchen nicht regenerieren können. Das kann dann auch einen Tinnitus zur Folge haben. Abseits davon versuchen Studien weitere Auswirkungen zu erfassen. Ein Projekt in der Schweiz zeigt durchaus, dass Schlafprobleme, die durch Lärm verursacht sein können, den Stoffwechsel negativ beeinflussen.

Warum macht trotz der Gefahren mancher Lärm auch Spaß, zum Beispiel beim Musikhören?
Wir hören nicht nur mit den Ohren, sondern auch mit dem Körper. Wenn der Schall so stark ist, dass er auch über den Körper erfasst werden kann, gibt das einen Reiz, der zusätzlich zum Hörreiz das Vergnügen vielleicht steigern kann. Auch die Verbindungen vom Gehör zum Gleichgewichtsorgan werden von lautem Schall beeinflusst und könnten zu dem Vergnügen beitragen.

Woran kann man denn erkennen, dass Lärm für negative Effekte verantwortlich ist?
Es gibt keinen Laborwert, den man bei einer Blutuntersuchung herausfinden kann, um dadurch auf Lärm zu schließen. Momentan wird versucht, die Ausschüttung von Stresshormonen im Insulinstoffwechsel zu erkennen, aber ein wirkliches Kriterium hat man noch nicht.

Und das macht es dann so schwierig, zu entscheiden, ob ein geringer Lärm einen Menschen wirklich krankmacht?
Das ist genau das Problem. Wir sind hier bei der psychogenen Belastung, die Lärm darstellen kann. Diese ist mitunter sehr individuell. Was von einer Person als hochgradig belästigend empfunden wird, muss für eine andere nicht genau das Gleiche bedeuten. Zum Beispiel, wenn modifizierte Auspuffrohre bei Autos besonders lautstark sind. Der Besitzer hat eine ganz andere Einstellung zu diesem Lärm als etwa Passanten. Das Gleiche gilt für Musik. Bei der Beurteilung von Lärm ist eine psychologische Komponente im Spiel.

Hat sich der Lärm von früher zu heute verändert?
Wenn man die 70er Jahre mit heute vergleicht, muss man feststellen, dass das Problem erkannt wurde und umfangreiche Lärmschutzmaßnahmen, beispielsweise beim Verkehrslärm, vorgenommen worden sind. Auf der anderen Seite haben wir aber auch neue Möglichkeiten, uns Lärm zuzuführen, zum Beispiel durch tragbare Abspielgeräte. Damit kann man sich erhöhten Lärmpegeln aussetzen und möglicherweise davon auch eine Hörschädigung bekommen.

Also war es früher auch schon laut?
Natürlich. Gerade im Verkehrs- und Schienenbereich gab es ganz andere, höhere Emissionswerte als heute. Es gibt aber immer noch Problembereiche, wie das Rheintal beim Eisenbahnlärm. Da will man aber mit viel Geld für Lärmschutz sorgen. Ich denke, dass über die Jahre das stete Arbeiten an der Bewusstheit, dass Lärm Auswirkungen hat, nun Früchte trägt und wir Fortschritte erkennen. Das heißt natürlich nicht, dass wir das Ziel erreicht haben und Lärm nicht mehr thematisiert werden muss.

Welchen Tipp können Sie noch geben?
Ein wichtiger Punkt ist das eigene Empfinden. Wir haben in unserem Gehör einen sogenannten Stapediusreflex eingebaut. Das ist ein kleiner Mittelohrmuskel, der sich zwischen 80 und 90 Dezibel anfängt zu bewegen. Wenn der anfängt zu arbeiten, haben wir in der Regel das Gefühl, dass es zu laut ist. Wer darauf achtet, kann dann eine Lärmreduktion vornehmen.

Interview: Steven Micksch

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