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Greenpaece „Das ist ein Taschenspielertrick“

Greenpeace-Experte Niklas Schinerl über die Sperrung von Hauptstraßen, Versäumnisse der Städte und Probleme für Bewohner.

Niklas Schinerl ist seit 2007 bei Greenpeace (2012 in Deutschland) Campaigner für Energiepolitik und erneuerbare Energien.    

Herr Schinerl, in Frankfurt und anderen Städten drohen Fahrverbote für ältere Dieselmodelle, was halten Sie davon?
In vielen Städten, auch in Frankfurt, ist die Luftqualität viel schlechter als laut EU-Grenzwert zulässig, das wissen wir seit Jahren. Doch die Städte reagieren nicht darauf. Dieses Abgasproblem kann man mit zwei Ansätzen schnell in den Griff bekommen. Der eine wäre, man verpflichtet die Autoindustrie, alle schmutzigen Diesel mit neuer Abgasreinigungstechnik nachzurüsten und damit die Luftbelastung zu reduzieren. Die zweite Möglichkeit sind Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge.

Haben denn die Städte nichts für bessere Luft getan?
In Plänen zur Luftreinhaltung stehen oft eine höhere Taktung des öffentlichen Nahverkehrs oder eine neue U-Bahn-Linie. Doch das sind Projekte, die viele Jahre dauern, entsprechend haben die Städte nun ein Problem. Solange die Bundesregierung Nachrüstungen für ältere Diesel blockiert, bleiben den Städten als einzige Möglichkeit Fahrverbote.

Es gibt Ideen, nur einige Hauptverkehrsstraßen der Städte zu sperren, macht das Sinn?
Das ist ein Taschenspielertrick. Nur dort zu sperren, wo die schlechtesten Werte gemessen werden, ist relativ einfach. Die Luftprobleme bestehen aber in Dutzenden Großstädten und dort an nahezu jeder mehrspurigen Straße. Die Städte müssen nicht Messstationen schützen, sondern Menschen. Deshalb greifen punktuelle Sperrungen zu kurz.

Wie können Städte nun handeln?
Die Überlegungen bei den Luftreinhalteplänen sind oft richtig: Man verbessert den öffentlichen Nahverkehr, etwa mit einer höheren Taktung und mehr Elektrobussen. Der zweite und eigentlich wirksamere Ansatz ist, die Radinfrastruktur auszubauen. Wenn die Radwege so sicher sind, dass auch Kinder alleine fahren können, dann trauen sich mehr Menschen, öfter das Rad und seltener das Auto zu nutzen. Deutsche Städte, auch Frankfurt, investieren viel zu wenig in die Radinfrastruktur und verschenken so ein enormes Potenzial. Auch deshalb gibt es den Radentscheid in Frankfurt.

Was ist mit Lieferanten, Handwerkern und Taxifahrern – die haben jetzt das Nachsehen?
Es wird immer Ausnahmen geben, etwa für Rettungsfahrzeuge. Auch das Handwerk oder Lieferfahrzeuge können davon ausgenommen werden. Das muss die Stadt selbst entscheiden, aber immer unter der Maßgabe, dass nach Jahren der Überschreitungen endlich die Grenzwerte eingehalten werden. Wichtig ist, dass die Stadt die Verbote als Startschuss einer Verkehrswende versteht. Und dass diese Wende gefördert und unterstützt werden muss.

Sperren, Kontrollen und Verbote bedeuten aber auch Ärger für die Bürger, oder?
Es geht ja nicht darum, den Menschen ihr Auto wegzunehmen, sondern dass die Menschen in den Innenstädten von Abgasen verschont bleiben. Denn Stickstoffdioxide sind ein reales Gesundheitsproblem. Aber das weiß man nicht seit gestern, nicht erst seit dem VW-Skandal. Die Politik hat versäumt, Anreize zu setzen, damit die Menschen aufs Rad umsteigen, auf öffentliche Verkehrsmittel oder Elektroautos. Natürlich ist es traurig, dass der Abgasbetrug der Industrie Menschen trifft, die einen sauberen Diesel wollten. Die können ihr Auto auch noch eine Weile weiter fahren, nur demnächst vermutlich nicht mehr in einzelnen Innenstadtzonen.

Interview: Judith Köneke

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