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Verkehr "Autofreie City darf kein Stückwerk werden"

Jutta Deffner Sagt im FR-Interview, dass durch die Hauptwache ohne Verkehr eine Stärkung des Stadtkerns erwartet.

23.01.2009 00:01
Foto: Privat

Frankfurt mit einer autofreien Innenstadt? Wie furchtbar ist diese Vorstellung?

Das ist doch ein gutes Szenario, weil mit einer autofreien Innenstadt viele Funktionen des Stadtkerns gestärkt werden, etwa die Aufenhaltsqualität der Stadt, ein besseres Wegenetz für Radfahrer und Fußgänger. Außerdem wird der Einzelhandel gestärkt.

Was meinen Sie mit Aufenthaltsqualität?

Die erlebt man in dem Sinne, dass man sitzen und Kaffee trinken kann, auf einer Bank einen Plausch hält oder sich ausruht. Es muss baulich und gestalterisch ansprechend sein. Der Verkehr sollte nicht gerade um einen herum tosen. Vor allem für die nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmer muss es gut möglich sein, sich fortzubewegen. Dass man durchkommt, dass es kurze Wege gibt, dass es attraktive und abewechslungsreich ist. Das ist Aufenthaltsqualität.

Könnte die Schließung der Hauptwache ein Baustein sein für das visionäre Großprojekt einer autofreien Innenstadt?

Das kann ich mir vorstellen, dass mit der Schließung der Hauptwache ein Anfang gemacht wird. Die Umgestaltung der Zeil beispielsweise soll die Innenstadt ja aufwerten. Das kann man durchaus in verschiedene Richtungen weiter denken, etwa eine Erschließung der Innenstadt besser zum Main hin, was eine wichtige Rolle spielt. Aber auch eine bessere Verbindung zum Hauptbahnhof und Richtung Norden oder Osten sind wünschenswert.

Wenn es um die Sperrung von Straßen geht, gibt es immer Gruppen , die protestieren. Etwa Geschäftsleute, die fürchten, dass keine Kunden mehr in die Innenstadt kommen. Teilen Sie solche Befürchtungen?

Das ist ein klassisches Argument, das immer wieder vorgebracht wird. Man kann die Ängste verstehen. Bis jetzt habe ich aber den Eindruck, dass sich das nirgends bewahrheitet hat. Dort, wo Innenstadtstraßen gesperrt worden sind für den privaten Autoverkehr, ist es nicht zum Ladensterben gekommen. Es gibt gute Beispiele in Klein- und Mittelstädten als auch in Großstädten, wo das geklappt hat. Es gibt außerdem Untersuchungen, die belegen, dass gerade Fußgänger und Radfahrer zwar pro Tour weniger einkaufen, aber insgesamt häufiger einkaufen und deshalb die Umsätze steigen. Es wird ja immer als Gegenargument vorgebracht, der Autofahrer habe den größten Einkaufsbon und nicht der Radfahrer. Das muss man aber auf die Menge der Einkäufe hochrechnen und die Frage stellen, wer da mit dem Auto eigentlich kommt. Das ist nicht der Autofahrer, sondern eine ganz bestimmte sozioökonomische Schicht der Bevölkerung...

...wen meinen Sie damit?

Ich meine eher wohlhabende Leute, die aus dem Umland nach Frankfurt reinkommen und hier einkaufen. Das ist klar, dass die nicht mit dem Rad kommen, aber da muss man auch mal in eine andere Richtung denken.

Etwa an den gut ausgebauten öffentlichen Personennahverkehr mit S- und U-Bahnen?

Ja, an den kann man denken.

Was empfehlen Sie Frankfurt, um eine für alle Beteiligten erfolgreiche autofreie Innenstadt zu realisieren, was wäre gut für die Stadt?

In jedem Fall darf es kein Stückwerk werden. Man muss ein Konzept auf der Basis dessen entwicklen, was im Moment begonnen worden ist und daran weiterarbeiten. Was wichtig ist: Was kann der Einzelhandel für Radfahrer und Fußgänger tun? Da kann die Stadt den Einzelhandel unterstützen und beraten. Man sollte darüber hinaus die Stadt Frankfurt nicht nur als Einkaufsstadt am Wochenende begreifen, wenn die Einkaufspendler aus dem Umland in die Stadt strömen. Die Frankfurter Innenstadt hat ja auch eine wichtige Funktion für die Alltagserledigungen. Außerdem muss man daran erinnern, dass die Frankfurter das Einkaufen ohne Auto schon ziemlich gut hinkriegen. Das sollte man sich vergegenwärtigen.

Wird sich eine autofreie Innen-

stadt zum noch stärkeren Publikumsmagneten entwicklen?

Das kann ich mir vorstellen. Es gibt ja in Europa viele dichte, abwechslungsreiche Innenstädte mit hoher Aufenthaltsqualität. Da kann Frankfurt noch besser werden im Sinne einer Stadt, in der es attraktiv ist einzukaufen, zu flanieren, zu sitzen und sich kulturell inspirieren zu lassen, sich einfach zu zeigen im öffentlichen Raum. Eine Stadt, die das Erleben und Genießen groß schreibt.

Interview: Jürgen Schultheis

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