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Urban Priol im Hofgarten Atemloses Kabarettjubiläum

Seit 35 Jahren steht der Aschaffenburger Top-Satiriker Urban Priol jetzt auf der Bühne und hält der Gesellschaft den Spiegel vor. Die Zeiten fürs politische Kabarett sind seither nicht besser geworden.

25.02.2017 12:14
Wolfgang Heininger
Urban Priol
Urban Priol . Foto: Axel Hess

Eigentlich wollte es Urban Priol zum Berufsjubiläum locker angehen lassen. Zuckerl und Anekdoten aus 35 Jahren Bühnenpräsenz wollte er neu aufbereiten, zumal er feststellte, dass er eine Reihe von alten Texten „eins zu eins“ übernehmen könne. Doch es kam – im Zeichen von Trump und Schulz – ganz anders, weil sich die Ereignisse überschlagen: Was er morgens notiert, schreibt er mittags um und schmeißt es abends weg, sagt der 55-Jährige bei der Premiere seines neuen Programms „gestern – heute – morgen“.

Ohnehin seien die Politiker dabei, ihn und seine Zunft arbeitslos zu machen, beklagt der Kabarettist im Aschaffenburger Hofgarten, jener Spielstätte, die er vor knapp 20 Jahren mit einigen Mitstreitern gegen so manche Widerstände der Stadtoberen, insbesondere aus den Reihen der CSU aufbaute. Die jüngste Harmonie-Pressekonferenz von Seehofer und Merkel oder einen Live-Ausbruch von Donald Trump unkommentiert zu zeigen, sei ja bereits Satire genug.

Im Oktober 1982 hat der damalige Lehramtsstudent „zusammen mit dem Dicken“ angefangen. Das war jener bräsige Kanzler Helmut Kohl, der mit Hilfe der ungetreuen FDP an die Macht kam, jener selbsternannte Enkel von Adenauer, der die junge Generation auf die Palme und Priol auf die Bühne brachte. Zusammen mit der Nachrüstung von Mittelstreckenraketen, Wald- und Robbensterben. Und schließlich mit der Wahl eines Ronald Reagan in den USA und einer Margret Thatcher in Großbritannien, die den Raubtierkapitalismus dauerhaft aus dem Käfig ließen.

Trump, „A Nightmare on Elm Street“

Wenn er sich heute anschaut, wie er damals gegen Reagan gewettert hat, dann sei jener amerikanische Präsident doch ein geradezu vorbildlicher Politiker gegenüber seinem Nach-nach-folger Trump gewesen. Den nennt der gebürtige Aschaffenburger einen fleischgewordenen „Nightmare on Elm Street“ mit einem Grusel-Kabinett von Milliardären und Militärs.

Stellvertretend für Trumps Personalpolitik nimmt Priol dessen Bildungsministerin Betsy DeVos auseinander. Die habe ebenso wie ihre Kinder noch nie eine staatliche Schule von innen gesehen und empfahl sich wohl nur mittels einer 200-Millionen-Dollar-Spende der schwerreichen Familie an die Republikaner für ihr neues Amt.

Hätte Priol sich ausschließlich den USA widmen wollen, der Abend wäre allein dafür draufgegangen. So beließ er es bei einer – für seine Verhältnisse – recht knappen Beschreibung der amerikanischen Verhältnisse. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass alle Terroristen vom 9. November 2011 auch nach dem jüngsten Präsidentenerlass gegen sieben islamische Staaten hätten einreisen dürfen. Die kamen nämlich aus Saudi-Arabien und anderen Ländern, mit denen die Firma Trump glänzende Geschäfte macht. Und Priol vergaß auch nicht zu erwähnen, dass Horst Seehofer, „der bayerische Diktatorenbeschmuser“, bereits Sympathien für das „Tourette-Syndrom als Präsident“ bekundete.

Deutschlands aktuellster Kabarettist

Ja eigentlich hatte Deutschlands aktuellster Kabarettist, der selbst in der Pause noch schnell auf dem Handy die Nachrichtenlage checkt, sich damit abgefunden, dass seine Lieblingsgegnerin Angela Merkel noch bis 2033 im Kanzleramt ausharrt. Und dann das: Martin Schulz, der Deus ex machina, der wie ein Pilz aus dem sozialdemokratischen Boden schoss und seiner Partei nie zugetraute Umfragewerte beschert.

Dass er der CDU-Dauerchefin durchaus gefährlich werden könnte, zeige schon allein die Tatsache, dass sämtliche Wirtschaftsverbünde angesichts von Schulz' wenigen programmatischen Überlegungen aufheulten und ganzseitige Anzeigen in Tageszeitungen schalteten. Meint Priol: „Auch Friede Springer hat schon den Daumen gesenkt. Und alle fragen, was Martin Schulz eigentlich tun will. – Wer hat eigentlich in den vergangenen elf Jahren gefragt, was Angela Merkel will oder macht?“ Aber trotz derzeit steigender Aussichten auf einen Wechsel bleibt er skeptisch: „Die SPD hat es immer fertig gebracht, einen Erfolg kurz vorher noch zu versemmeln.“

Mittelmeer als „flüssige Mauer“

Zweieinhalb Stunden dauert Priols Diskurs durch deutsche und andere Lande. Er analysiert die „beschämende“ Abschottung vor Flüchtlingen („Wir haben mit dem Mittelmeer eine flüssige Mauer und regen uns über die geplante Grenzbefestigung zwischen USA und Mexiko auf.“). Er wendet sich gegen das Schüren von Ängsten und Hass, insbesondere durch die AfD. Er kritisiert eine Politik des Kaputtsparens, bei dem Infrastruktur, Gesundheits- und Bildungswesen („Wer dumm ist, lässt sich leichter regieren.“) zum Teufel gehen. Und er hält ein leidenschaftliches Plädoyer für ein gemeinsames Europa. Er ärgert sich über die Grünen („FDP mit Fahrrad“), die ihre Grundsätze zugunsten von Koalitionen über Bord werfen.

Priols Skript ist schon eher ein Buch, bei dem er etliche Seiten überblättern muss, um nach beinahe drei Stunden zum Ende zu kommen. Er hätte noch viel viel mehr zu erzählen, zu beleuchten und zu geißeln gehabt, und die Zuhörer hätten noch gerne länger zugehört, gelacht und geklatscht. Doch auch dann wäre sein Fazit wohl nicht positiver ausgefallen als so: „Vielleicht ist diese Welt nur die Hölle eines anderen Planeten.“ Den Satz hat sich der Satiriker bei dem Schriftsteller Aldous Huxley ausgeliehen.

Urban Priol gastiert mit seinem neuen Programm in nächster Zeit zwar auch im Rhein-Main-Gebiet, aber die Veranstaltungen in Höchst und Bornheim sind bereits ausverkauft. Einzig im Aschaffenburger Hofgarten gibt es derzeit noch Karten für den 12. März und vom 24. bis 27. Mai. Im HalbNeun Theater in Darmstadt sind am 25. und 26. November zwei Auftritte geplant. Weitere Infos unter www.hofgarten-kabarett.de oder unter http://www.kulturagenten.de.

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