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Universität Marburg Pionier digitaler Lehrmethoden

Der Marburger Anglistikprofessor Jürgen Handke produziert Hits auf Youtube. Seine Lehrvideos haben kürzlich die Hürde von einer Million Zugriffen auf Youtube geknackt. Mit Humor und ausholenden Gesten zeigt der Wissenschaftler, dass Linguistik Spaß machen kann.

„Wenn wir Elemente der Lehre digital darbieten, können wir Zeit gewinnen,“ sagt Professor Jürgen Handke. Foto: Gesa Coordes

Das Professorenbüro bei den Marburger Anglisten sieht aus wie ein Videostudio: Eine Leinwand, drei Kameras, Studiobeleuchtung, Mikrophon, Videoschnittplatz und ein Teleprompter füllen den Raum. Schließlich produziert Jürgen Handke mindestens ein Video pro Woche. Denn der Anglistikprofessor ist ein Pionier im Umgang mit digitalen Lehrmethoden – er betreibt nach eigenen Angaben die größte linguistische E-Learning-Plattform weltweit. Seine Lehrvideos haben kürzlich die Hürde von einer Million Zugriffen auf Youtube geknackt. Und er wurde im vergangenen Jahr mit dem hessischen Hochschulpreis für Exzellenz in der Lehre ausgezeichnet.

Begonnen hat Handke mit den neuen Lehrmethoden bereits Mitte der 1990er Jahre mit interaktiven CD-Roms zur Einführung in die Linguistik. Seitdem hat sich der heute 60-Jährige als Autodidakt sieben Programmiersprachen angeeignet und immer neue Methoden ausprobiert. Die Idee: „Wenn wir Elemente der Lehre digital darbieten, können wir Zeit gewinnen,“ sagt Handke, der nicht mehr Jahr für Jahr das Gleiche erzählen wollte.

Um die Jahrtausendwende begann er, die Lernplattform für Linguisten aufzubauen. Aktuell weist sie rund 10.000 angemeldete Benutzer weltweit auf. Unter www.linguistics-online.com finden sich 250 Kurse zu Grundlagen der Linguistik, Morphologie, Syntax, Phonetik, Dialekten, englischer Geschichte und vielem mehr. Dazu gibt es 310 Videos auf Youtube, Interviews, Hörbeispiele von Muttersprachlern, Übungen, Tests und Workbooks. Täglich sehen sich etwa 3000 Nutzer aus allen Kontinenten die Lehrvideos an, in denen der Professor meist selbst auftritt. Mit Humor und ausholenden Gesten zeigt er, dass Linguistik Spaß machen kann.

Vorlesungen und Frontalunterricht gibt es bei Handke nicht mehr. Das gesamte Grundlagenwissen erarbeiten sich die Studierenden mit Hilfe der Lernplattform selbstständig in virtuellen Sitzungen. Weniger Lehrveranstaltungen hat Handke deshalb nicht. In seinen Seminaren wird der Stoff allerdings nur noch vertieft und eingeübt. So müssen die Studierenden englische Dialekte übersetzen und herausfinden, inwiefern Lenas Eurovision-Siegersong „Satellite“ vom Standard-Englisch abweicht oder aber wie sich das holprige Schwäbisch-Englisch von EU-Kommissar Günther Oettinger verbessern ließe. Dabei dürfen sie selbstverständlich ihre Smartphones benutzen. Handke geht mit seinen Mitarbeitern unterdessen herum und beantwortet Fragen. „Dafür wäre sonst nie Zeit gewesen“, sagt der Professor, der sich eher als „Lernbegleiter“ sieht.

Kollegen reagieren mit Skepsis

Der Erfolg gibt ihm Recht: Die Studierenden im „inverted classroom“ – so der Name des Modells – kommen in der Regel sehr gut vorbereitet in die Lehrveranstaltung. Sie wissen mehr und behalten es länger, so Handke. Und in den Tests schneiden sie fast eine Note besser ab als ihre Kommilitonen aus klassischen Seminaren. „Diese Art der Lehre kommt dem Lebensalltag der Studenten entgegen“, sagt Handke.

Selbstverständlich ist der Anglist bei den neuesten digitalen Entwicklungen immer dabei: So hat er – an deutschen Universitäten noch äußerst selten – sogenannte MOOCs (massive offene Online-Kurse) für jedermann entwickelt, die erstaunliche hohe Absolventenzahlen vorzuweisen haben.

Neuerdings experimentiert sein Team mit Video-Scribes. Das sind gezeichnete Filme, die im Zeitraffer abgespielt werden, um den Lehrstoff zu vermitteln.

Bei seinen Kollegen stößt der begeisterte Rockmusiker indes auf Skepsis. Nicht ein Professor aus dem Fachbereich habe ihm zu seinem Lehrpreis gratuliert, berichtet der 60-Jährige. „Viele fühlen sich angegriffen“, sagt Handke, der kürzlich ein Buch mit dem Titel „Patient Hochschullehre“ veröffentlicht hat. Er ist überzeugt: „Die Hochschulen versäumen es seit Jahren, ihre Lehre an die veränderten Bedingungen des 21. Jahrhunderts anzupassen.“

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