Lade Inhalte...

Uniklinik Marburg Nach Schlaganfall weggeschickt

Patienten an der Uniklinik Marburg bekamen womöglich erst spät Hilfe. Die Klinik schiebt das auf die Grippewelle.

Brain scan
Durch bildgebende Verfahren lassen sich Schlaganfälle erkennen. Foto: iStockphoto

Massive Kopfschmerzen, Wahrnehmungsstörungen, der linke Arm fiel ständig runter. Jessica M. aus Marburg fühlte sich sehr schlecht. Sie befürchtete einen Schlaganfall. Ein Bekannter brachte die 37-Jährige in die privatisierte Rhön-Uniklinik in Marburg. Statt umgehend Hilfe zu bekommen, erlebte sie dort eine Odyssee: Am ersten Tag, berichtet sie, wartete sie neun Stunden in der Zentralen Notaufnahme, bevor sie entnervt wieder nach Hause fuhr. Am zweiten Tag waren es vier Stunden, bevor sie dann endlich das erste Mal eine Ärztin sah. Die schickte sie ins MRT, und von dort aus ging es direkt weiter in die Stroke Unit. Erst dort erfuhr die 37-Jährige auf Nachfrage, dass sie tatsächlich eine Schlaganfall erlitten hatte.

Jessica M. ist nicht die Einzige, die sich von der Uniklinik nicht adäquat behandelt fühlt. Hans-Berndt Ziegler, Fachanwalt für Medizinrecht, vertritt zwei weiteren Mandaten, bei denen ein Schlaganfall mutmaßlich zu spät erkannt wurde. Andre Merker zum Beispiel wurde - ebenfalls im März – zwei Mal wieder nach Hause geschickt, erst beim dritten Mal wurde ein geplatztes Aneurysma diagnostiziert.

Schlaganfall: Bei der Behandlung zählt jede Minute 

Der Frankfurter Rundschau sind zwei weitere Fälle bekannt, bei denen der Verdacht naheliegt, dass ein Schlaganfall früher hätte erkannt werden müssen. „Der Ärztliche Direktor hat seinen Laden offenbar nicht im Griff“, sagt Ziegler; dabei zähle bei der Behandlung eines Schlaganfalls jede Minute. Für die Marburger Hausärztin Ulrike Kretschmann zeigen sich hier einmal mehr die Folgen des Verkaufs der Uniklinik Gießen-Marburg vor zwölf Jahren an den Rhön-Konzern. „Die Patienten stehen für die Drehtür-Medizin, an der sich aus meiner Sicht nichts verbessert hat und für die die gravierenden Personalmängel die Ursache sind“, sagte die Ärztin dieser Tage bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung in Marburg zu Andrea Nahles. Das Gegenteil sei der Fall. „Aus meiner Sicht hat sich die Qualität der Versorgung für die Patienten weiter verschlechtert.“

„Wir bedauern es außerordentlich, dass es bei beiden Patienten im Rahmen der Notfallversorgung am Universitätsklinikum Marburg zu Verzögerungen gekommen ist“, teilt die Klinikleitung auf FR-Anfrage mit. Schuld an den langen Wartezeiten sei der „Höhepunkt der hessischen Grippewelle“ mit überdurchschnittlich vielen Erkrankten gewesen. Beide Patienten hätten sich mit „sehr unspezifischen Symptomen vorgestellt“. Das Ersteinschätzungs-System für Notaufnahmen „Manchester Triage System“ habe sie nicht als akut eingeschätzt. Zum Schluss seien die beiden dann doch durch die Fachabteilungen Neurologie und Neurochirurgie betreut und erfolgreich therapiert worden. „Nach allem Erdenken ist beiden Patienten durch die verzögerte Behandlung kein Schaden entstanden.“

Ärzte an der Marburger Uniklink stellen falsche Diagnose

Wie die Klinik zu dieser Einschätzung kommt, bleibt offen. Jessica M. klagt bis heute über permanente Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit und Kraftlosigkeit im linken Arm. Andre Merker sagt, er müsse beim Arbeiten viele Pausen einlegen, habe abends starke Schmerzen.

Glück gehabt hat hingegen eine 53-jährige Patientin von Kretschmann, die anonym bleiben möchte. An einem Sonntag Mitte Dezember wurde bei der Frau an der Marburger Uniklinik fälschlicherweise eine Nervenreizung diagnostiziert. Sie wurde mit Schmerzmitteln nach Hause geschickt. Die wirkten nicht, die Frau kam am Montag in ihre Praxis, berichtet die Ärztin. Sie habe sofort ein MRT veranlasst, das den Verdacht auf Schlaganfall bestätigt habe. Die 53-Jährige trug wohl keine bleibenden Schäden davon.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen