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Uni-Klinik Marburg Eine Zukunft für den Landarzt

Die Universität Marburg startet ein Pilotprojekt für angehende Allgemeinmediziner.

Ein Hausarzt mit einem klassischen „Arbeitsgerät“, dem Stethoskop. Foto: dpa

Die Zahlen sind alarmierend. Allein in Hessen werden in zehn Jahren mindestens 1500 Hausärzte fehlen, vor allem im Norden und in der Mitte des Landes. Die Uni-Klinik Marburg hat deshalb ein bundesweit einmaliges Modellprojekt gestartet, um Studierende früh für den Beruf zu gewinnen. Schon ab dem ersten Semester bereiten sich jeweils ein Dutzend angehende Mediziner mit Seminaren und Praxisbesuchen auf eine mögliche Zukunft als Landarzt vor. Das Besondere: Die Studierenden haben von Anfang an Kontakt zu Patienten und arbeiten regelmäßig bei einem erfahrenen Arzt in einer Praxis in einem unterversorgten Gebiet in Nord- und Mittelhessen mit.

Medizinstudent Martin Henrich zum Beispiel ist einer Gemeinschaftspraxis in Waldeck zugeordnet, wo er die Ärzte bei Besuchen im Altenheim, in der Sprechstunde, beim Blutabnehmen und bei Untersuchungen unterstützt: „Das ist ganz anders als das Studium, das sehr theoretisch ist“, sagt der 23-Jährige, der während seiner Praxiszeit sogar in Waldeck wohnen kann.

Auch die 21-jährige Lisa Thorfah ist begeistert von ihren ersten Besuchen in einer Hausarztpraxis in Stadtallendorf. Ihr Mentor Stefan Weiershausen weiß gut, dass der Hausarztmangel „nicht nur ein Phänomen des platten Landes“ ist. Ein Jahr lang hat seine Gemeinschaftspraxis vergeblich nach einem Arzt in Weiterbildung gesucht. Eine Kollegin musste ihre Praxis ohne Nachfolger schließen. Weiershausen macht es Freude, mit den Studierenden zu arbeiten. Doch normalerweise kommen sie erst kurz vor Abschluss ihres Studiums. Dann sei es meist zu spät, sie noch von der Vielseitigkeit des Hausarztberufs zu überzeugen: „Einen Studenten zu begleiten, der noch am Anfang des Studiums steht, ist eine besondere Chance“, sagt der Hausarzt.

Deshalb startet das so genannte „Schwerpunktcurriculum Primärversorgung“ der Philipps-Universität bereits im ersten Semester: „Am Anfang des Studiums gibt es ein breites Interesse, aber dann werden die Studierenden von den Unikliniken geprägt“, sagt Privatdozent Stefan Bösner, der das Pilotprojekt leitet. Dabei sei die Allgemeinmedizin ein „schönes, interessantes Fach“. Doch nach dem Studium legten nur zehn Prozent der Studierenden ihre Facharztprüfung in Allgemeinmedizin ab. Man bräuchte aber mindestens 50 Prozent, erklärt er.

Für das Modellprojekt kooperiert die Philipps-Universität Marburg mit Landarztpraxen in Nord- und Mittelhessen – von Korbach und Erndtebrück über Battenberg, Sterzhausen, Lohra und den Ebsdorfergrund bis nach Wettenberg, Bicken, Kirtorf und Braunfels. Dort erleben die angehenden Ärzte das soziale Umfeld der Patienten, üben Anamnesegespräche und werden auf Hausbesuche mitgenommen. Sie machen eine Famulatur in einer Hausarztpraxis – möglichst im Ausland, um ein anderes Gesundheitssystem kennenzulernen. Dazu kommen Wochenendseminare, Diskussionen und zusätzliche Lehrveranstaltungen.

„Die Rückmeldungen der Studierenden sind super“, sagt Bösner, der sieben Jahre im Sudan gearbeitet hat und Träger des hessischen Exzellenzpreises für die Lehre ist. „Da weiß man wieder, warum man das Fach studiert“, erzählt Sandra Ende von ihren Praxisbesuchen in Sterzhausen. Anders als in der Klinik kann sie auch die Krankheitsgeschichte eines Menschen verfolgen.

Aber auch die beteiligten Landärzte sind zufrieden. So hat Landarzt Amir Baalbaki aus Altenvers schon in der Vergangenheit gute Erfahrungen mit einer Studentin gemacht, die ab dem ersten Semester kam und heute als Hilfskraft in der Praxis arbeitet. Baalbaki: „Je früher sie erfahren, wie spannend das Fach ist, um so besser.“

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