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Umzug von Redaktion und Verlag Im laufenden Betrieb

Der Umzug von Redaktion und Verlag ins Sachsenhäuser Depot fordert Planer und Transportfirma zu logistischen Höchstleistungen heraus.

13.02.2009 22:02
Blick von oben in den Newsroom der FR, wo Zeitungsmacher und Gestalter sternförmig um einen Konferenztisch sitzen. Foto: Arnold

Zwölf Tische zum Tausch + Kartons", steht mit rotem Textmarker auf dem Klebezettel an der gläsernen Gangtüre im dritten Stock. Unten auf dem Pflasterhof vorm Colosseo rangieren Umzugslaster rückwärts Richtung Eingang, fahren im Pendelverkehr zwischen dem altem Rundschausitz und dem neuen im Sachsenhäuser Depot am Südbahnhof. Jetzt wird’s ernst. Letzter Vorhang, die Rundschau verlässt ihr Interims-Domizil am Walther-von-Cronberg- Platz.

Seit Wochen stehen Umzugskartons wie eine stumme Aufforderung in allen Zimmern. Peu à peu türmen sie sich mit gewichtiger Ladung zwischen den Redaktionsschreibtischen, wachsen Papierstapel wie Stalagmiten vom Boden der Decke entgegen. Dazwischen hocken und stehen Kollegen hochkonzentriert vor den verbliebenen Regalen und Schränken, sichten Papiere, Bücher, Aufzeichnungen.

Die guten ins Töpfchen, die schlechten… auf den Flur: "Die Verfassung der DDR", Statistische Jahrbücher von anno ist-schon-nicht-mehr-wahr - die Redaktionsgänge wachsen sich zum bedrohlichen Altpapierlager aus und zur drängenden Frage: Sind alle Journalisten Messis?

Die Packer der Umzugsfirma Vepa sagen dazu nichts, grinsen nur breit, schwitzen, was das Zeug hält und wuchten die nächsten, endlich freigeräumten Sideboards in den Aufzug nach unten.

Umzug im laufenden Betrieb nennt sich das offiziell. "Wir ziehen Ihnen den Stuhl unterm Hintern weg", übersetzt Vepa-Geschäftsführerin Ewa Künzel in die nackte Realität und lacht. Abbauen, was geht, und schon mal rüberschaffen ins neue Domizil an der Textorstraße, damit die Punktlandung klappt: Die letzte Ausgabe vom Colosseo aus wurde Freitagnacht auf die Reise geschickt, am Sonntag wird die erste Ausgabe am neuen Standort folgen. "Da muss alles stehen."

Höchste Zeit also, auch die gewichtigsten Schätze zu verstauen. Die Kiste mit Visitenkarten, geheime Nummern, wichtiges Hintergrundmaterial, schwarze Terminmappe, das rote Telefonbuch der Frankfurter Stadtverwaltung. Duden, Frankfurts Stiftungen, der Pavian-Talisman und natürlich die drei Schokofreunde von Ostern und Nikolaus.

Karton zu, Adressaufkleber drauf und der signalgrüne Babber WICHTIG. Ab geht die Post. Oder besser Markus Witter. Der wuchtet die kostbare Kartonage auf die rechte Schulter als wär’s ein Federkissen und rennt los. Rein in den Aufzug, runter ins Lager zu wandhohen Kistenstapeln, Batterien eingepackter Regale und Wänden aus Schränken - und irgendwann schließlich ab in den dunklen Bauch des Lasters. Himmel hilf, wenn das mal gut geht.

"Ist alles generalstabsmäßig geplant", beschwichtigt Umzugschefin Ewa Künzel. Seit Wochen tüfteln die Rundschau-Gebäudemanager Rolf Zöll und Thomas Wydlok an Raumplänen, arbeiten Hand in Hand mit EDV und Umzugsfirma die einzelnen Schritte aus.

Wann, wie und in welchen Etappen ziehen Drucker und Softwarezubehör um? Und natürlich: Wer will was und wohin? Der Feuilletonchef braucht mindestens vier bis fünf Regale, der stellvertretende Ressortleiter der Region ein Flip-Chart und Platz für eine Palme. "Wir arbeiten strikt nach Zölls Plänen, weil der die Leute und Bedürfnisse kennt", sagt Künzel. Ist natürlich längst nicht alles: Vom falsch gesetzten Elektroschalter über den Platz für eine Magnetwand, die Türschilder für alle Beschäftigten bis hin zur logistischen Meisterleistung bis Samstagnacht zumindest die rund 200 Arbeitsplätze der Redakteure betriebsfertig zu kriegen, sind alles Themen, die Zöll und Wydlok seit Januar nur noch zum Schlafen heimkommen lassen.

Trotz Zölls genialem Schachzug, sich mit 75 Mietschreibtischen Luft und Vorlauf zu verschaffen. "Wir tauschen den Mitarbeitern über Nacht die Schreibtische aus, ziehen die Originale schon mal um und lassen die Miettische dann im alten Haus wieder abholen", sagt Wydlok und grinst breit über das erstaunte Augenreiben der Redakteure, die am Morgen zwar alle Unterlagen unverändert an ihrem Platz aber zweifelsfrei auf andersfarbiger Unterlage wiedergefunden haben. Zöll im Depot, Wydlok im Colosseo und je zwei Acht-Mann-Trupps der Umzugsfirmen an beiden Standorten lautet die Formel des gigantischen Bäumchen-wechsel-dich-Spiels.

Dazwischen wuseln Handwerker durch die 7000 Quadratmeter des neuen Hauses, in dem ja auch beileibe nicht alles fertig ist. In den Treppenhäusern an beiden Eingängen Textor- und Hedderichstraße sind noch die Maler zugange. Schreiner schrauben an Türen, Elektriker verlegen in der langen Newsdesk-Halle in spe für rund 90 Zeitungsmacher und Gestalter Kabel unter den anthrazitfarbenen Teppichboden. Laufwege sind mit Milchtütenpapier abgedeckt, über die die Umzugsleute ihre Frachten karren.

Schönes Tohuwabohu. Wenn da bloß der grüne Wichtig-Karton nicht untergeht. Der Laster rollt an, dritte Tour an diesem Tag. Bahnt sich den Weg durch Baustellenfahrzeuge, Absperrgitter und Arbeiterkolonnen. Im Affenzahn schaffen Packer Möbel und Kisten ins Freie und in den Aufzug.

Der große Konferenz- und Aufenthaltsraum ganz oben unter dem gläsernen Tonnengewölbe der alten Straßenbahnhalle sieht schon aus wie ein hoffnungslos zu klein gewordenes Möbellager. "Von hier aus wird nach Plan verteilt", sagt einer der Packer. Ein vorsichtiger Blick in die Räume der Stadtredaktion im zweiten Stock lässt aufatmen, Tische und Regale sind immerhin schon aufgebaut. Und wenig später kommt auch er. Von einem Packer eigenhändig beigeschleppt und am Zielschreibtisch abgestellt. WICHTIG prangt noch auf dem leuchtend grünen Aufkleber.

Na, dann kann’s ja los gehen.

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