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Umweltschutz in Hessen Ernte mit Kunststoff

Die Landwirtschaft kann auf Folien, Garne und Netze nicht verzichten. Recycling ist eine Ausnahme. Beispiele aus dem Taunus.

Landwirtschaft in Hessen
Erdbeerfeld von Bauer Reiner Paul aus Wallau mit selbstabbaubarer Folie. Foto: Monika Müller

Die Zeit der Ernte ist auch die Zeit von Polypropylen und Polyethylen. Ohne den Einsatz der künstlichen Stoffe ist moderne Landwirtschaft kaum denkbar. Silageballen werden zwecks ungestörter Vergärung in Folien eingewickelt, Heu- und Strohballen von Garnen und Netzen in Form gehalten. Das jährliche Aufkommen von Agrarkunststoffen in Deutschland liegt aktuell zwischen 70 000 und 80 000 Tonnen. 

„Etwa 60 Prozent dieser Menge wird für Folien, Netze und Garne verwendet, der Rest dient der Ernteverfrühung im Gemüsebau“, sagt Jan Bauer, Prokurist der RIGK GmbH. Als Systembetreiber und Kooperationspartner der Industrievereinigung Kunststoffverpackungen (IK) arbeitet das in Wiesbaden ansässige Unternehmen mit dem Wiederverwerter ERDE zusammen. 2013 gegründet, wurden unter dessen Dach mittlerweile 370 Sammelstellen für landwirtschaftlich genutzte Folien eingerichtet. 

Noch ist das Konzept der Wiederaufbereitung die Ausnahme. In den meisten Fällen landen die gebrauchten Kunststoffartikel auf der Mülldeponie oder im Wertstoffhof. „Leider ein Wegwerfprodukt“, sagt Stefan Wagner vom Kronenhof in Bad Homburg. Er verwendet ausschließlich Pressenkordel, um seine 2500 Heu- und Strohballen pro Saison unter Dach und Fach zu bringen. Das Garn zum Binden der Quader sei auch nach Verwendung trocken und sauber – „warum kann das nicht recycelt werden?“ In den gelben Sack dürfe es jedenfalls nicht gepackt werden.

Am Rande von Oberhöchstadt, wo 300 Kühe und Rinder das Hofgut Hohenwald bevölkern, landen die Überbleibsel der tausend Ballen im Normalmüll. „Und die Abdeckfolien für das Fahrsilo sind auch nur ein Jahr lang zu verwenden“, sagt Betreiber Wolfram Meyer. Weitere Kunststofffolien kommen in den Salatbeeten zum Einsatz; sie werden zum Aufwuchs der Pflanzen benötigt.

„Laut Hersteller sollen die sich auf der Fläche zersetzen – was aber nicht der Fall ist“, moniert Meyer. Seine jährlichen Ausgaben für die im Hofgut verwendeten Agrarfolien beziffert er auf zirka 4000 Euro. Während ein Gutteil der hiesigen Bauernschaft schon mit Quaderballen und den entsprechenden Pressen arbeiten, hält Frank Hammen aus Wehrheim noch am runden Prinzip fest. „Wir brauchen für unsere Hundertschaft an Milchkühen etwa 300 Rundballen“, sagt er. Das gewickelte Futter wird von Netzen gehalten, die am Ende im Restmüll landen. Eine Überraschung ist für ihn aber jenes Vlies, mit dem die im Freien lagernden Ballenstapel abgedeckt werden: „Seit neun Jahren in Gebrauch und noch immer in gutem Zustand.“

Längst nicht mehr verwendet werden Stroh- oder Sisalkordel, mit denen das getrocknete Gras vorzeiten zusammengebunden wurde. Die Naturstoffe können dem Druck heutiger Großballenpressen nicht standhalten und sind innerhalb eines hochtechnisierten Umfelds obsolet geworden. Dass „Strohkordel“ noch immer ein feststehender Begriff im Bauernland ist, sei jedoch am Rande vermerkt. 

„Hier werden pro Saison vier bis fünf Tonnen an Strohkordeln und drei bis vier Tonnen an Stretchfolien verarbeitet“, berichtet Christian Staehr. Immerhin presst das Landwirtschaftliche Lohnunternehmen Staehr aus Neu-Anspach bis zu 18 000 Quaderballen in den Landstrichen zwischen Weilmünster, Frankfurt und Ober-Mörlen. Jeder der 1,20 Meter breiten und nur von Maschinenkraft zu bewegenden Ungetüme muss von 24 Metern Garn umschlungen sein. Christian Staehr und sein „Hubertushof“-Team wickeln daneben noch 2000 Ballen Silage pro Jahr in mehrere Lagen Folie. Eine Vorratshaltung, die aber zurückgehe, weil sie den Landwirten zu teuer werde. Größere Betriebe unterhalten zwecks Silierung sowieso ihre kostengünstigeren Fahrsilos. 

Im vorigen Jahr konnte der Foliensammler ERDE knapp 7100 Tonnen Agrarkunstoff der Wiederaufbereitung zuführen. „Besenrein“ ist an den von Landhandel oder Maschinenringen zur Verfügung gestellten Standorten abzuliefern, was danach gewaschen durch den Schredder läuft, um schließlich als Regranulat in neue Folienprodukte transformiert zu werden. „Silo- und Stretchfolien sind wunderbar zu recyceln“, sagt Jan Bauer. Für die laufende Ernteperiode erwartet der RIGK-Manager im Vergleich zum Vorjahr „die doppelte Zahl an Sammelgut“. Im Boot seien auf freiwilliger Basis neben den Landwirten und Aufbereitern auch neun Kunststoffproduzenten. Zwei Sammelpunkte sind bislang in Hessen eingerichtet: Wer in Villmar und Weilmünster anliefert, muss zwischen 30 und 60 Euro je Tonne bezahlen. „Zudem besteht für bäuerliche Betriebe die Möglichkeit, einen Container über ERDE zu bestellen.“ 

Einig sind sich der Systembetreiber und das Hessische Umweltministerium, was die Alternativen zum künstlichen Stoff angeht: Es gibt keine. Sowohl im Gemüsefrühbau als auch beim Konservieren des Grundfutters für Wiederkäuer sei der Kunststoffeinsatz alternativlos, ist auf Anfrage aus dem Wiesbadener Ministerium zu hören. 

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