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Toll teutsch

Felix von Manteuffel liest Grimmelshausen

10.12.2009 00:12
Jürgen Lentes
Grimmelshausens Barockroman «Simplicissimus»
Im Deutschen steckt der Deibel. War schon immer so. Foto: Eichborn

Für den ersten Paukenschlag dieses Bücherherbstes sorgte ein über dreihundert Jahre alter deutscher Roman: Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausens (1622-1676) "Simplicissimus Teutsch". Aber wurde dieses berühmte Buch außerhalb germanistischer Seminare je gelesen? Darüber haben sich auch der renommierte Übersetzer und Autor Reinhard Kaiser nebst Lektor Heiner Boehncke Gedanken gemacht. Und eines der außergewöhnlichsten Übersetzungsprojekte der letzten Jahre auf den Weg gebracht. Kaiser hat den Roman in heutiges Deutsch übersetzt und dafür sehr viel Lob kassiert. Ein Publikumserfolg ist der "neue Simplicissimus" obendrein.

Naturgemäß ist das Deutsch des Barock uns nicht so fremd wie beispielsweise das Mittelhochdeutsche, aber seit Grimmelshausens Tagen gab es - von Orthographie mal abgesehen - doch einige Sinnverschiebungen. Kaiser nennt sie "falsche Freunde". Sein großes Verdienst besteht zum einen darin, den "Simplicissimus" von dieser "Patina" befreit zu haben, zum anderen, dass er Grimmelshausen dabei nicht glättete, sondern dessen Vielschichtigkeit wie die Musikalität der Sprache bewahrte und damit für heutige Leser neu erschloss.

Grimmelshausen kannte die "verkehrte Welt" während des Dreißigjährigen Krieges, in der die Menschen "vergehn wie Rauch von starken Winden". Zudem war er ein leidenschaftlicher Autodidakt, der begierig die "unbeschriebene Tafel seiner Seele" mit Wissen beschrieb. So dass in seinem letzten Lebensjahrzehnt seine literarische Produktion geradezu explodierte. An die 3000 Druckseiten umfasst sein Werk.

Für Reinhard Kaiser sprengt der "Simplicissimus" alle Kategorisierungen. Er sei ein Sittenbild seiner Zeit, eine Satire, ein komischer Roman, eine Geschichte über das Geld, ein Abenteuerbuch und in einigen seiner Teile ein fantastischer Reisebericht, eine erotische Groteske, eine Utopie, die erste Robinsonade der deutschen Literatur, immerhin 50 Jahre vor Defoes "Robinson Crusoe" - kurz, ein Weltbuch, das in seiner Material- und Gedankenfülle und mit der Vielfalt seiner Formen, Stilmittel und Perspektiven zu den ganz großen Werken der deutschen Literatur gehört.

Was Wunder, dass eine vollständige Lesung dieses "Weltbuchs" allergrößte Anforderungen an einen Schauspieler stellt. Felix von Manteuffel, seit 2004 am Schauspiel Frankfurt, hat es gewagt, und er bewältigt diese Herausforderungen virtuos und mitreißend. Seine grandiose Lesung, vom Hessischen Rundfunk produziert und als Hörbuch bei Eichborn erschienen, macht auch die herausragende Übersetzerleistung Reinhard Kaisers deutlich. So kurzweilig dieser Roman auch sein mag, es gilt, viele Erzähl- und damit Stil-Lagen als Vorleser zu bewältigen: Schrecken und Komik, Satire und Ernsthaftigkeit. Frömmigkeit und derb Volkstümliches. Drastische Darstellung und Reflexives. Sprachspiel, Dialogisches und Episches.

In den Kammerspielen gibt der Grimme-Preisträger Kostproben seines Könnens mit einer Lesung aus dem "Simplicissimus". Möglicherweise greifen Sie danach zum 18 CD umfassenden Hörbuch.

Felix von Manteuffel liest, 19.12., 20 Uhr, Kammerspiele im Schauspiel Frankfurt, Neue Mainzer Straße 17, Karten 069/1340400

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