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Till Behrens Der Erfinder des Grüngürtels

Die Stadt wieder bewohnbar machen: Das heißt für Till Behrens, die "Brauchbarkeit der Stadt als Stadt" zu erhöhen - etwa mit Orten des spontanen Sich-Begegnen-Könnens.

18.11.2008 00:11
JÜRGEN SCHULTHEIS
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Wohnen am Grüngürtel - Till Behrens kennt das. Foto: Christoph Boeckheler/FR

Wer am Treutengraben im Frankfurter Stadtteil Praunheim aus dem Haus tritt und von der Veranda hinüber schaut zur Nidda und in den Grüngürtel, der weiß mit einem Male, warum eine Stadt mit jedem Quadratmeter naturnahen Freiraum an Lebensqualität gewinnt. Und es ist kein Zufall, dass hier im Treutengraben die Idee eines Grüngürtelkonzeptes Anfang der 70er geboren worden ist - weil dort, wo heute Wiesen liegen und Bäume wachsen, mehrgeschossige Bauten hatten entstehen sollen.

Die Bürger wehren sich damals, unter ihnen Till Behrens, der von diesem Zeitpunkt an seine Idee eines Grüngürtels entwickelt. Aus übersehenen Restfreiflächen einen zusammenhängenden und zu schützenden Freiraum zu schaffen, daran arbeitet Behrens Anfang der 70er. "In meinem Konzept geht es darum, wie aus Vorhandenem wie Restgrünflächen, Industriebrachen und verkehrt geplanten Straßen ein funktionierendes Entwicklungs- und Reparaturkonzept für eine am Fluss, am Grüngürtel und in der Innenstadt bewohnbare Stadt wird", hat Behrens der Bauwelt gesagt.

Am Ziel, die Stadt wieder bewohnbar zu machen, wie Behrens heute sagt, hält der Architekt, Stadtplaner und Designer nach wie vor fest. Auch wenn der Grüngürtel heute entwickelt und halbwegs im öffentlichen Bewusstsein verankert ist, auch wenn Behrens sagt, die Grüngürtelcharta sei "ein wichtiger positiver Schritt" - es ist nicht das, was er ursprünglich hat realisieren wollen, nämlich eine freie Zone zu schaffen, die land-, forst- und wasserwirtschaftlich genutzt werden kann, in der bäuerliche Betriebe überleben können und deren Ränder so bebaut werden, dass der Freiraum "nicht mehr angeknabbert werden kann". Aber daran hat auch die Charta offenkundig nichts ändern können.

Idee "geplündert"

1973 hatte Behrens seine Idee des Grüngürtels mit einer Mainquerspange in das Frankfurter Forum für Stadtentwicklung eingebracht - um einige Jahre später feststellen zu müssen, dass seine Idee "geplündert" (Behrens) wird. Oberbürgermeister Walter Wallmann und Kulturdezernent Hilmar Hoffmann hatten die Idee aufgegriffen und das Museumsufer daraus entwickelt, später dann hatten OB Volker Hauff und Umweltdezernent Tom Koenigs den Grüngürtel zum Thema gemacht und in der Form realisiert, wie es ihn heute gibt.

Auch wenn das nicht immer im Sinne und mit der Zielrichtung geschehen ist, die sich Behrens seit den 70er vorgestellt hat - an der Grundidee hält der emeritierte Professor fest: Die Mainufer, gerade zwischen der östlichen Innenstadt und Fechenheim, müssten bewohnbar gemacht werden, sagt Behrens, "man könnte daraus eine wunderbare Wohngegend machen", zudem müsse ein "großes, grünes Band entlang des Flusses" entwickelt werden.

Das alles, sagt das Multitalent, soll die Bewohnbarkeit erhöhen und die Stadt attraktiver machen als das Umland. Was wiederum dazu führen könnte, dass mehr Menschen in der Stadt wohnen und weniger pendeln müssten. Denn Frankfurt sei angesichts der 300.000 Pendler "die unwirtschaftlichste Stadt, die man sich vorstellen kann", weil die Menschen beinahe täglich im Stau stehen und ihre Zeit verplempern würden.

Orte spontaner Begegnung

Generell müsse man sich über ein Gesamtkonzept für die Stadt Gedanken machen und die Diskussion über die Entwicklung der Stadt nicht nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten führen. "Ich bin deshalb gespannt, was Albert Speer im Januar vorlegen wird", sagt Behrens.

Er fordert, die "Brauchbarkeit der Stadt als Stadt" zu erhöhen, er will mehr Qualität in der Stadt. Und dazu gehören für Behrens kurze Wege, Kommunikation, vor allem zufällige Kommunikation in der Stadt, Orte des spontanen Sich-Begegnen-Könnens, öffentlicher Personennahverkehr und eine angenehme Umwelt, "was selbstverständlich sein sollte".

Für die Umweltqualität hat der Grüngürtel eine wichtige Funktion, sagt Behrens,weil vom Taunus aus durch das Niddatal die nächtlichen bodennahen Luftströme in die Stadt fließen. Deshalb hat er damals schon im eigenen Interesse gegen die Bebauung vor dem Haus gestritten - zum Nutzen aller.

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