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Tierschutz in Hessen Abschied von der Labormaus

Tierschützer in Hessen fordern einen Ausstiegplan für Tierversuche. Wissenschaftler zeigen sich skeptisch.

Medizinische Biotechnologie
Experimente mit Mäusen und Ratten sind die häufigsten. Foto: Jochen Tack (epd)

Eine „Strategie zur Verringerung der Tierversuche“ vermisst Hessens Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin. Es müssten klare Ziele festgelegt sein und Zeiträume, in denen sie erreicht werden sollten. Rückenwind kommt von der hessischen Linksfraktion und der Tierschutzorganisation Tasso in Sulzbach. Die fordert ebenfalls einen „Ausstiegsplan aus dem Tierversuch“. Für Martin wie den im Main-Taunus-Kreis ansässigen bundesweiten Verein sind die Niederlande vorbildlich. Das Nachbarland hat sich den schrittweisen Ausstieg zum Ziel gesetzt. Spätestens im Jahr 2025 wollen die Niederländer etwa alternative Methoden entwickelt haben, um die Sicherheit von Chemikalien, Lebensmittelzutaten, Pestiziden oder Medikamenten zu testen.

Der kommende Montag, 24. April, ist der Internationale Tag des Versuchstiers. Am Ostersamstag hat die Tierrechtsgruppe Gießen gegen die Experimente mit Mäusen und Co an dem mittelhessischen Hochschulstandort demonstriert. Am Mittwoch, 3. Mai, wollen die Aktivisten eine Petition an die Universität Gießen übergeben. Rund 5000 Unterschriften hätten sie dafür gesammelt, heißt es.

Tierversuche sind umstritten. Wer sie unternimmt, muss mit scharfem Gegenwind rechnen. Auch die Justus-Liebig-Universität in Gießen steht unter Druck. Als eine der bundesweit fünf veterinärmedizinischen Fakultäten haben die Versuche bei ihr Tradition. Die Landesregierung hat jüngst zwei auf fünf Jahre befristete Professuren bewilligt, das Berufungverfahren läuft: Eine beschäftigt sich am Fachbereich Medizin mit der Entwicklung von Alternativmethoden, die zweite am Bereich Veterinärmedizin schwerpunktmäßig mit dem Mindern der Belastungen für Versuchstiere. Die Frankfurter haben ebenfalls eine neue Professur bekommen und sie im Februar besetzt.

Den Wissenschaftler, der im stillen Kämmerlein an Mäusen oder Ratten forsche, gebe es in Gießen nicht, versichert Vizepräsident Peter Winker. Im Jahr 2012 wurde die Versuchstierhaltung zentralisiert und seinem Ressort überstellt, parallel dazu das Personal „massiv personell verstärkt“. Es gibt unter anderem drei Tierschutzbeauftragte, die die Wissenschaftler schulen und den Zustand der Tiere kontrolliereren. Das Gros der im vergangenen Jahr „verwendeten“ 6074 Exemplare waren Nager wie Mäuse, Ratten, Hamster oder Meerschweinchen. In Gießen stehen auch 263 Schweine oder 20 Pferde beziehungsweise Esel auf dieser vorläufigen Liste, an ihnen werden Medikamente aus der Veterinärmedizin getestet oder Futter. Außerdem 77 Fledermäuse, die gefangen wurden, um sie mit einem Peilsender ausgestattet wieder in die Freiheit zu entlassen. Denn jedes Tier, das einem wissenschaftlichen Zweck dient, ist automatisch ein Versuchstier.

Monate bis zur Genehmigung

Dafür ist eine Genehmigung des Regierungspräsidiums (RP) erforderlich, mit detaillierter Begründung: Was ist geplant und mit welchem Erkenntnisgewinn? Gibt es Alternativmethoden? Hat der Tierschutzbeauftragte zugestimmt? Ist das europaweit geltende 3R-Prinzip berücksichtigt? 3R steht für Reduce, Refine, Replace – Reduzierung, Verfeinerung, Ersatz. Außer dem RP muss eine Kommission, in der auch Tierschützer sitzen, grünes Licht geben. „Das kann Wochen dauern, Monate“, sagt Winkler. Angesichts dieses hohen zeitlichen Aufwands und auch hoher Kosten sei der Tierversuch die letzte Wahl. „Er wird nur dann durchgeführt, wenn er wirklich notwendig ist.“

Für viele Bereiche gebe es inzwischen Ersatzmethoden, doch manchmal gebe es keine Alternative – weil der Gesetzgeber den Tierversuch vorschreibe oder die Entwicklung noch nicht so weit sei: „Es gibt kein komplettes künstliches Gehirn; auch eine Lunge mit all ihren Funktionen herzustellen, geht derzeit noch nicht.“ Für die Erforschung dieser Ersatzmethoden würden im Übrigen auch Tiere benötigt.

Schon jetzt gehe die Uni Gießen oft weit über das 3R-Prinzip hinaus, versichert der Vizepräsident. So werde darauf geachtet, welches Narkosemittel eingesetzt werde und dass die Kanüle nicht zu groß sei. Gänzlich ohne Tierversuche, meint Winker, werde die Wissenschaft auf absehbare Zeit nicht auskommen. Die Niederlande, aber auch mancher Politiker in Deutschland, würden falsche Hoffnungen wecken: „Es sei denn, man verzichtet vorerst auf die Entwicklung neuer Medikamente.“

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