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Tiere in Hessen Hirsche in Hessen verlieren ihre Fitness

Der Gießener Biologe Reiner erforscht die Folgen des Siedlungsdrucks auf das Rotwild in Hessen. Da die Tiere nur eingeschränkt wandern können, sind sie von Inzucht bedroht.

Rothirsch
Die Umweltveränderungen fordern dem Wild viel ab. Foto: Steffen Schellhorn/epd

Der Mensch raubt dem Rotwild immer mehr Lebensraum. Straßen bilden Barrieren, verhindern Austausch zwischen Rotwildgebieten. Das schädigt die genetische Vielfalt, warnt Gerald Reiner vom Arbeitskreis Wildbiologie der Uni Gießen. Er leitet eine vom Land unterstützte Studie zur genetischen Verarmung in Hessens Wäldern.

Ist der mächtige Hirsch mit dem imposanten Geweih in Hessens Wäldern vom Aussterben bedroht?
So weit würde ich nicht gehen. Aber: Jahrtausende konnten sich die Teilpopulationen über Wanderungen miteinander großflächig austauschen. Diese Möglichkeit hat stark abgenommen durch die Zersiedelung der Landschaft, durch den Bau von Autobahnen und weil Städte immer mehr zusammenwachsen. Je kleiner eine Population ist, desto größer ist die Gefahr von Inzuchtdepressionen.

Was könnten die Folgen von Inzucht sein?
Fruchtbarkeitsstörungen, zum Beispiel. Sie fallen äußerlich kaum auf, erst wenn es zu spät ist. Folge kann auch mangelnde Fitness sein.

Was kann man sich unter Fitness beim Rotwild vorstellen?
Fitness bezeichnet letztlich das Vermögen einer Tiergruppe, sich an verändernde Umweltbedingungen, zum Beispiel die Klimaerwärmung, anpassen zu können. Eine theoretische, total ingezüchtete Population hätte nur noch halb so viele Möglichkeiten zur Anpassung, wie eine Population mit extrem hoher genetischer Vielfalt. Die Asse im Ärmel, mit denen auf veränderte Situationen reagiert werden könnte, gehen quasi verloren.

Für Ihre Studie haben Sie die Situation in Mittelhessen untersucht, unter anderem an der Autobahn 5. Mit welchem Ergebnis?
Der Austausch zwischen den Gebieten links und rechts der Autobahn zeigt sich deutlich eingeschränkt. Sie bildet eine Barriere, die verhindert, dass die Inzuchtgefahr durchbrochen werden kann, indem die Asse im Ärmel ausgetauscht werden.

Wie viele Tier leben in dieser Enklave?
Das können in den kleineren Gebieten lediglich 200 Individuen sein. Und wir erwarten, dass gerade die kleineren der hessischen Rotwildgebiete betroffen sind. Dieser Frage gehen wir in einer weiteren Studie nach, die gerade begonnen hat. Im Moment werden hierfür Proben aus allen hessischen Regionen gesammelt. In einem Jahr können wir für Gesamthessen sehr detailliert aussagen, wo Engpässe bestehen und wo wir etwas tun müssen, um den Austausch wieder zu verbessern.

Eine Chance sind so genannte Grünbrücken, über die Tiere die Autobahnen jederzeit passieren können.
Ja. Es gilt, die Stellen herauszuarbeiten, wo eine Grünbrücke sinnvoll wäre. Auch die Regulation des Abschusses kann eine Rolle spielen. Insbesondere die jungen Rothirsche durchstreifen die Wälder, um sich neue Reviere zu erschließen. Diese Wanderneigung ist wichtig für den genetischen Austausch. Diese Tiere zumindest zeitweise zu schonen, könnte den genetischen Austausch erheblich unterstützen.

Könnte eine Schonzeit für Rotwild auf Akzeptanz stoßen?
Bei den Jägern eher ja, bei den Förstern eher nicht. Rotwild verursacht viel Schäden im Wald, woran wir übrigens alle beteiligt sind. Weil die Freizeitnutzung zunimmt, werden die Tiere in kleinere Einstände zurückgedrängt, in denen der Verbiss dann zunimmt. Aus wildbiologischer Sicht ist dieser Zusammenhang besorgniserregend, weil kleine Populationen nicht mehr genug genetische Vielfalt, sprich Asse im Ärmel, tragen können.

Sie sagen, Rotwild ist eine Leitwildart. Was bedeutet das?
Es ist das größte noch vorhandenes Säugetier in Hessen. Und wo Rotwild nicht durchkommt, kommen auch Wildkatze, Luchs und andere nicht mehr durch. Da sehen wir einen ganz engen Zusammenhang.

Interview: Jutta Rippegather

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