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Tanzschulen umwerben willige Herren Mann zählt

In den Tanzschulen der Region herrscht chronischer Männermangel. Weil Gastherren  fehlen, werden oft nur noch Paare unterrichtet. Von Regine Seipel

In Tanzschulen der Region herrscht chronischer Männermangel. Foto: ddp

Er ist eine seltene Spezies, sein Wohlbefinden hat in Tanzschulen des Rhein-Main-Gebiets höchste Priorität: Der tanzwillige Mann. "Unser Kursprogramm dreht sich um ihn", sagt Doris Richard, Chefin der Tanzvilla in Wiesbaden. Und um seine Erfolge. Früher konnte es passieren, dass Cha-Cha-Cha in der zweiten Stunde auf dem Programm stand. "Die komplizierten Schritte waren tödlich für ihn", sagt sie. Heute geht es mit Merengue los, mit leichten Übungen und Bildern. Beim Führen hilft dem Herrn die Vorstellung, einen Einkaufswagen zu schieben. Die Dame muss lernen, zu folgen, möglichst ohne zu meckern, auch wenn sie es eigentlich besser weiß: Das macht ihn stark und sicher, nur dann kommt er wieder und belegt nach der Probestunde den gesamten Kurs. "Zu 99 Prozent", sagt Doris Richard.

Ein Jahrhundert-Problem

Mit gesicherten Zahlen die Tanzlust des Mannes zu umreißen, ist schwierig. "Seit Jahrhunderten herrscht beim Tanzen weiblicher Überschuss", sagt Jürgen Ball, Leiter der Tanzlehrer-Akademie beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV), der in Karben eine Tanzschule betreibt. In Anfängerkurse kommen 40 Prozent nur der Partnerin zuliebe, schätzt er. Sie müssen von der ersten Stunde an mit neuen Konzepten, mit Spaß und Schwung überzeugt werden. Darauf werden Tanzlehrer in dreijähriger Berufsausbildung vorbereitet. Moderne Pädagogik auf glattem Parkett setzt auf Erlebnisse. Frontalunterricht ist passé, stattdessen wird Kreativität gefördert und Geselligkeit geboten. "Wir müssen in die Zukunft schauen", sagt Ball.

Genug Männer sind dort nicht in Sicht, viele Tanzschulen haben die Suche aufgegeben und bieten keine Singlekurse mehr an. Ute Berné von der Tanzschule Berné in Hanau gab 30 Jahre Singlekurse, bei denen manchmal drei bis vier Männer auf zwölf Frauen trafen, oft mit unüberbrückbarem Attraktivitätsgefälle. "Die Damen kamen im Designerkostüm, die Herren in Wanderschuhen." Und wollten mit Mitte 40 am liebsten eine 30-Jährige kennenlernen. Manche kamen nie wieder, weil ihnen die Damen nicht gefielen. Dann begann die mühselige Suche nach Gastherren. Monatlicher Singletreff, Inserate, eine Werbekampagne - alle Versuche blieben erfolglos, jetzt unterrichtet sie nur noch Paare, wer keinen Partner hat, kann in der Tanzpartnerbörse im Internet suchen.

Ute Berné hilft nur noch beim Nachwuchs nach, in den Schülerkursen, zu denen sich ebenfalls zwei Drittel mehr Mädchen als Jungs anmelden. Das geht nicht ohne Gasttänzer. Wenn ein Junge mit drei Mädchen übt, wird es naturgemäß beim Abschlussball kompliziert. Manche Mütter fordern schon bei der Anmeldung das Versprechen, dass die Tochter am großen Tag kein Mauerblümchen bleibt. "Ein Kraftakt", sei das, bis endlich alle einen Partner haben. "Bisher haben wir es jedesmal geschafft", versichert Ute Berné. Seit etwa fünf Jahren sei Besserung in Sicht. "Früher galt der Tanzkurs als verstaubt, heute melden sich auch coole Jungs wieder an", sagt sie - und lernen im Antiblamierprogramm sogar Tischmanieren dazu.

In Tanzschulen, die noch Singlekurse für Erwachsene anbieten, müssen Damen schnell sein. "Für Frauen sind die Angebote oft ausgebucht", erzählt Inhaber Thorsten Fischer von der Tanzschule Bier in Wiesbaden."Dass sie miteinander tanzen müssen, versuchen wir zu vermeiden", sagt er.

Mit Fingerspitzengefühl

Die passenden Paarungen zusammenzustellen, macht Arbeit und erfordert Fingerspitzengefühl. "Vielen Tanzschulen ist dieser Aufwand zu hoch", sagt Fischer. Er löst das Problem über den Preis. Der Single-Unterricht kostet zehn Euro mehr pro Person.

Auch die Tanzschule Richard hat Singlekurse vor Jahren eingestellt. Einige Paare, die sich damals fanden, sind zu eifrigen Hobbytänzern geworden - nicht zuletzt auch dank der Männer, bei denen sich die behutsame Aufmerksamkeit im Anfängerstadium auszahlte. Denn bei den Stunden für Fortgeschrittene, bei denen an Figuren und Drehungen gefeilt wird, kommen die Männer groß raus. Dann sind sie es, die ihre Frauen zum Training treiben.

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