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Streetworker in Darmstadt Jedes Jahr Hilfe für 500 Drogenabhängige

Streetworker der Diakonie unterstützen in Darmstadt jährlich 500 Drogenabhängige. Ein Klient der ersten Stunde sagt: „Ohne ihre Hilfe wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben.“

Streetworker
Auf dem Luisenplatz: Am Bus verteilen Streetworker der Diakonie Essen und Trinken an Bedürftige. Foto: Monika Müller

Von den Passanten kaum beachtet, bezieht jeden Dienstag um 10.30 Uhr ein kleiner weißer Bus auf dem Luisenplatz Stellung. Die Streetworker der Sucht- und Drogenhilfe des Diakonischen Werks bauen davor einen Tisch auf, bieten Stückchen, belegte Brötchen und Kaffee kostenlos an – Spenden von der Darmstädter Tafel und dem Caféhaus Bormuth. Rund ein Dutzend Menschen strömt herbei. Viele haben schon auf die Mitarbeiter vom Scentral gewartet. Es sind Rentner, Wohnungslose, Menschen mit Kindern und Alleinstehende, Alte und Junge, die hier herkommen. „Die Mehrheit ist drogenabhängig“, sagt Ute Schnur. Sie hat im Februar 1998, da gab es noch kein Streetwork in der Stadt, das Busprojekt als regelmäßiges Angebot zur Kontaktaufnahme initiiert.

Es stellt für Drogenkonsumenten ein niedrigschwelliges Angebot dar, um sich Unterstützung zu holen – weil sie mit Behörden Probleme haben, Hilfe bei der Wohnungssuche benötigen oder ihre Drogensucht angehen wollen. Denn die Streetworker informieren auch darüber, wie man in ein Substitutionsprogramm kommen kann, stehen beratend zur Seite oder vermitteln in die Entgiftung.

Hermann ist ein Klient der ersten Stunde. Er sagt: „Ohne ihre Hilfe wäre ich wahrscheinlich nicht mehr am Leben.“ Der 53-Jährige hat mit 15 angefangen, Drogen zu nehmen. Ganz klassisch: zuerst Nikotin, Alkohol und Haschisch, dann Kokain und Heroin. „Anfang 20 bin ich auf die Nadel gekommen“, sagt er. „Aus Neugierde.“ Viele könnten das nicht verstehen, denn seine ältere Schwester sei zuvor an Heroin gestorben. Viel habe er versucht, um von der Droge wegzukommen: „Zwei Therapien gemacht, im betreuten Wohnen gewesen, langjährig im Methadonprogramm in Darmstadt.“ Doch alles habe nichts genützt. Der Dachdeckermeister arbeitete trotz seiner Abhängigkeit 20 Jahre lang in seinem Beruf. „Das war nicht ungefährlich“, weiß er. Aber mit dem Einkommen konnte er seine Sucht finanzieren. „Es reichte gerade so. Für anderes blieb nichts übrig.“

Hit unter sauberen Bedingungen

Heute lebt Hermann von Hartz IV und bewohnt eine kleine Bleibe in Darmstadt zusammen mit einem anderen Drogenabhängigen. Seit vier Jahren ist er im Frankfurter Heroinprogramm. Zweimal am Tag fährt er mit dem Zug von Darmstadt nach Frankfurt, um sich seinen Druck abzuholen. Vom Heroin komme er einfach nicht weg: „Es ist das Einzige, was dieses unheimliche Wohlempfinden bringt“ und den „Horizont erweitert“. In der Substitutionsambulanz in der Grünen Straße „bekomme ich meinen Hit aber unter sauberen Bedingungen“, sagt er. „Es ist sauberer Stoff, das macht es so wertvoll für mich.“ Außerdem sei er nicht mehr im illegalen Bereich und habe sich über die Zeit gesundheitlich erholen können.

Auch eine Mutter von zwei Kindern ist zum Bus gekommen. Als Heroinabhängige habe sie öfter Probleme mit dem Jugendamt. „Da helfen mir die Streetworker“, sagt sie. Wie sie ihren Drogenkonsum finanziert? „Als Frau geht man anschaffen“, sagt sie. Aber seit eineinhalb Jahren ist sie im Darmstädter Substitutionsprogramm. Bekommt täglich Subutex von ihrem Arzt und bezeichnet sich als stabil. „Es macht die Rezeptoren dicht, nimmt den Suchtdruck.“ Das empfinde sie als große Erleichterung.

Für die Streetworker des Scentral sind beides Erfolgsbeispiele, weil sich die Betroffenen stabilisieren konnten und in der Lage sind, ein selbstständiges Leben jenseits der Illegalität zu führen. Wie sie befinden sich etwa 100 Abhängige im psychosozialen Substitutionsprogramm, das die Diakonie in Darmstadt und Umgebung für die Vitos-Suchtklinik in Heppenheim betreibt. „Wir sind eine akzeptierende Drogenhilfe, sind nicht abstinenzorientiert“, erklärt Streetworker Daniel Rottach. Dennoch dürften während der Substitution keine Begleitdrogen genommen werden. Nicht einmal Alkohol. „Es gibt regelmäßige Urin- und Bluttests“, sagt Rottach. Wer hier auffalle, fliege nicht gleich aus dem Programm, aber es werde gefragt, was das Problem sei. Unter Umständen kommen die Abhängigen nicht mit dem Stoff, der substituiert wird, klar, weil er nur dumpf macht, aber keinen Kick gibt, oder weil die Dosierung zu niedrig oder zu hoch ist. Wichtig sei in jedem Fall die duale Unterstützung: medizinisch und psychosozial.

Raus aus der Illegalität

„Sucht ist vornehmlich eine Krankheit“, sagt Katrin Wilhelm, Leiterin des Scentral, das in der Bismarckstraße auch einen Kontaktladen betreibt, wo Spritzen getauscht werden und es regelmäßig warme Mahlzeiten für Suchtkranke gibt. Von dem Altbau direkt am Herrngarten startet nicht nur die wöchentliche Busaktion. Auch Rottach und seine Kollegen besuchen von hier aus die Betroffenen auf dem Straßenstrich in der Mornewegstraße, in Wohnheimen und gehen zu den Klienten nach Hause oder an die Orte, wo sie sich aufhalten. Manche Betroffene sitzen regelmäßig als Gruppe am Luisenplatz.

Im Jahr haben Rottach und seine Kollegen es mit etwa 500 verschiedenen Drogenabhängigen zu tun. Dabei gebe es nicht „den klassischen Konsumenten“, sagt Wilhelm. „Es gibt den Abstieg aus sortierten Verhältnissen, die, die mit elf Jahren anfangen, Haschisch zu rauchen, oder die Leute, die mit 30 anfangen und dann ganz schnell abrutschen“, so Wilhelm. Auch psychische Erkrankungen spielten eine Rolle. Konsumiert würden in der Darmstädter Szene vor allem Heroin, Kokain, Speed, Crack und Opiate. Dabei habe das Scentral den Fokus auf Heroinabhängige. Die meisten zeigten aber einen Mischkonsum, und „genommen wird, was kommt, wenn kein Heroin da ist“, sagt Rottach. Doch bevor ein Klient offen mit den Streetworkern über sein Suchtverhalten spreche, gebe es vorab viele Treffen. Gemieden werde dabei das Thema der Bezugsquellen. „Die Szene teilt uns nicht mit, wo sie ihre Dealer trifft, weil sie weiß, dass uns das in Konflikte bringen würde“, sagt Wilhelm. Zudem bestehe mit den Klienten eine Schweigepflichtvereinbarung. Dennoch decke man keine Straftaten, und Handel und Konsum seien auf dem Gelände des Scentral verboten und würden geahndet.

Im angrenzenden Herrngarten haben Konsum und Handel indes nicht abgenommen, auch wenn die Problematik aus dem öffentlichen Blick geraten ist, seitdem keine Spritzen mehr herumliegen. Doch hierfür gibt es eine einfache Erklärung: Der städtische Eigenbetrieb EAD sammle sie ein, weiß Wilhelm. Außerdem habe das Scentral bei den Konsumenten darauf gedrungen, die Utensilien nicht rumliegen zu lassen. „Viele von ihnen haben Kinder und bringen Verständnis dafür auf, dass benutzte Spritzen nicht offen rumliegen sollten“, sagt Wilhelm.

Für Hermann ist es bald Zeit, sich seinen nächsten Hit in Frankfurt abzuholen. Etwa alle acht Stunden braucht er das. Für viel anderes bleibt da keine Zeit. „So ein Angebot fehlt in Darmstadt“, findet er. Er kenne einige, die es nutzen würden.

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