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Steampunk Zurück in den Futurismus

Die Steampunk-Szene im Rhein-Main-Gebiet wächst. Die Anhänger feiern die Zeit Jules Vernes und H.G. Wells, als die Dampfmaschine den Fortschritt vorantrieb.

Steampunk
Im Stil des Viktorianischen Zeitalters: Anzug mit Weste für die Herren, Kleider mit Unterröcken für die Damen. Die Schweißerbrille schützt während einer Zeitreise vor Funken. Foto: Klaus Hößbacher

Die Herren kleiden sich bevorzugt mit einem nahezu perfekt gebügelten Anzug samt Weste darunter. Für die Damen ist zumeist die Rokokomode der viktorianischen Zeit angesagt, vielleicht nicht ganz so prüde wie einst, jedoch möglichst mit einem großvolumigen Glockenrock. 

Aber das ist nicht alles. Manch einer trägt dazu etwa eine dekorative Skelettuhr wie ein Tornister auf dem Rücken, andere belassen es bei einer historischen, großformatigen Taschenuhr. Der Zeitmesser ist das Erkennungszeichen wie der Zylinder auf dem Kopf und Schweißerbrille auf der Stirn oder dem Hut. „Mit der Brille schützen wir unsere Augen vor dem Luftzug bei der hohen Geschwindigkeit in der Zeitmaschine“, sagt Klaus Hößbacher mit einem Schmunzeln. Der 55-Jährige kommt wie der zehn Jahre ältere Gleichgesinnte, der nur seinen Künstlernamen Mac Crail nennt, aus der Ära Jules Verne - zumindest in der Freizeit. 

Crail und Hößbacher sind Steampunks, futuristische Abenteurer des 19. Jahrhunderts. Steampunk zu sein heißt, sich für die Mode und Technik jener Zeit zu begeistern – als die Dampfmaschine den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt epochal vorantrieb wie es heute der Computer tut. „Wir sind keine rückwärts gewandten Menschen, sondern wir lieben die Ästhetik dieser Ära“, sagt Hößbacher. Die fehle heute in der Mode und bei Gerätschaften, alles sei uniform, einheitlich, kantenlos und glatt wie ein Smartphone. 

So ein Telefon trägt ein Steampunk selbstverständlich mit sich, man ist letztlich durch und durch fortschrittlich, aber in einer entsprechend verzierten Hülle, die nach dem Selbstverständnis etwa aus einem alten Etui und allerlei mechanischen Kleinteilen - vornehmlich aus Kupfer und Messing - selbst gebastelt wird. Einige bauen ihr Mobiltelefon äußerlich so um, dass der Eindruck entsteht, es „läuft“ mit Dampf und viel Uhrenfeinmechanik.

Steampunk steht für eine Lebensphilosophie, bei der Individualismus und Freiheit groß geschrieben wird, sagt Hößbacher. Beides war für ihn und seine Frau Elke der Grund, vor mehr als zehn Jahren aus dem Mittelalter zu fliehen. „Viele dieser Historiengruppen versuchen das Mittelalter originaler als das Original darzustellen, das wurde uns zu anstrengend“, so Hößbacher. Crail war es vor fünf Jahren ähnlich ergangen, er gehörte in der Schweiz einer Kilt-Gruppe an. Überdies sei für modisch interessierte Frauen die viktorianische Zeit eine Bereicherung im Vergleich zur sackartigen Kleidung des Mittelalters, bemerkt Hößbacher. 

Erstmals trat Hößbacher mit seiner Frau 2008 bei einem Treffen in den Niederlanden auf. „Wir kamen uns vor wie blutige Anfänger“, sagt er. Mittlerweile sei auch in Deutschland die Bewegung gut angekommen. Um Hößbacher entstand bald eine Gruppe, zu deren hartem Kern 30 bis 40 Leute zählen, darunter auch Crail. Bei Treffen wie in Hanau kann sich die Zahl der Steampunks auch mal verdreifachen. Die Altersspanne reicht von Anfang 20 bis 84 Jahre. Man ist bei weitem nicht nur im Rhein-Main-Gebiet unterwegs. Und in Frankfurt und an der Bergstraße haben sich weitere Gruppen gebildet.

Die Mitglieder begegnen sich bei bundes- und europaweiten Treffen, besonders bei Technik-Events wie dem Hanauer Lokschuppenfest im Mai. Auch kommt man gerne zu einem sommerlichen Picknick oder Fest zusammen, Gesprächsthema sind die Kostüme oder wie sie und Assessoirs hergestellt oder bei welcher Gelegenheit sie erworben worden sind. Im nächsten Jahr soll es erstmals ein zweitägiges Steampunk-Festival in Hanau geben, die „Histonautika“, sagt Hößbacher. 

An die Blicke des Publikums etwa beim Aschaffenburger Stadtfest oder bei Weihnachtsmärkten in der Region haben sich Crail und Hößbacher längst gewöhnt. „In unserer Masquerade lassen wir uns auch gerne mit den Leuten fotografieren“, so Crail. Über Facebook läuft die Kommunikation  mit anderen Gleichgesinnten. Vereine wird man in der Szene vergeblich suchen. Zuviel Aufwand, der Stress bedeutet sowie strenge Strukturen und Hierarchen. Das gehe alles gegen die Natur des Steampunk, sagt Crail mit säuerlichem Gesicht.

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