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Sinnkasten Hedwig and the Angry Inch

Nigel Francis bringt das Kultmusical "Hedwig and the Angry Inch" zum zweiten Mal nach Deutschland auf die Bühne. Ein Gefühl von Cabaret, Theater und Rock ´n´ Roll. Von Peter Rutkowski

Der geneigte Besucher des Sinkkastens möge seinen Blick beim Betreten des Bühnenraums nach links wenden, an den oberen Rand des verstaubten Kartenhäuschens. Dort prangen praktisch schon antike Programmzettel dieses Konzert- und Disko-Urgesteins in Frankfurt: Schaudern erfüllt den Betrachter bei Datumsangaben auf den hinter Glas geklebten Flyern - 2/79, 4/79 Gott, ist das ewig alt. Und dann die fahlen Offset-Repros auf den Titeln. Tim Curry als Frank´n Furter, da ein Travestie-Theater, dort ein anderes. Travestie, dafür halten viele ja auch "Hedwig and the Angry Inch". Überkandidelte Drag Queen mit fett Schminke und riesiger blonder Mähne.

Eine Lebensreise

Von wegen. Ganz falsch. Hedwig ist nicht Travestie, nicht Drag, nicht Camp. Eine Enttäuschung? Ganz im Gegenteil. "Es ist die Reise des Lebens, eine Reise durch das Leben", sagt Nigel Francis, der Hedwig in Frankfurt nun zum zweiten Mal nach der Deutschlandpremiere im Februar 2008 auf die Bühne bringt. "Als ich das erste Mal hier in den Sinkkasten kam, dachte ich überhaupt nicht über Hedwig nach", erzählt Francis. "Aber ich sah diesen Ort und er war einfach der perfekte Ort." Für den Londoner Francis hat der Sinkkasten, die Frankfurter Ur-Disko in einem oberen Stockwerk eines zufälligerweise stehengelassenen Altbaus knapp abseits der schnieken Einkaufsmeile Zeil, "ein Gefühl von Theater, Cabaret, von Rock ´n´ Roll - und all das ist doch Hedwig!"

Idee wird zur Realität

Francis sitzt an einem einsamen Tisch im sachten Wirrwarr der technischen Proben für das Musical. Hinter dem schmalen kahlköpfigen Mann in Cargohose und T-Shirt, mit dem dichten Dreitagebart, der Brille, die ihn von einem Moment auf den anderen vollkommen verändern kann, blinken Lichtstimmungen auf und ab, beleuchten mal die große Bühne, auf der sich vornehmlich Hedwigs Band, die "Angry Inch" tummeln werden, mal treffen Spots oder Fluter auf das kleine Podest, dort wo sonst der Tanzboden ist. Francis springt auf, deutet auf das Podest: "Dort werde ich ziemlich viel Zeit verbringen. Rings darum, ganz nah, stehen dann Tische. Die Leute dort werden mich sogar atmen hören." Die Augen des Schauspielers leuchten, das breite, schelmische wie offen begeisterte Grinsen übertüncht jede andere Emotion in dem Augenblick. Die Lust am Theater packt ihn, das Erarbeiten eines Stückes, "wo du am Morgen keine Ahnung hast, wie du das nächste Problem lösen sollst, und am Abend ist dann eine Idee Realität geworden".

Das Prozessuale treibt Nigel Francis an

Das Prozessuale des Theaters treibt den Briten an. Und natürlich Adrenalin und Nervosität. "Wenn ich zwei, drei Minuten vor dem Beginn hinter der Bühne stehe, ist das wie an einer Klippe: Du weißt, du musst den nächsten Schritt machen, ganz plötzlich, von einem Augenblick zum nächsten." Er hält inne. Dann: "Das ist schon recht surreal. Aber man muss das auf den Kopf stellen. Aus diesem Moment etwas Positives machen." Deshalb ist die Bühne Francis´ Welt. Fernsehen und Film hat er probiert, es war nicht seins. "Das ist manchmal so langsam, ich war richtig gelangweilt." Aber nicht bei Hedwig. Keinen Moment lang.

Trip von der Liebe zum Hass zur Liebe zur Einsamkeit

Wenn er dort mitten unter seinen Zuschauern auf dem kleinen Podest dick geschminkt und irre blond landet, dann, damit die Menschen Hedwig noch näher kommen. "Einer der früheren Darsteller der Hedwig erzählte mal, er habe, noch bevor er die Rolle übernahm, das Musical mal angeschaut. Und wie er da im Zuschauerraum saß und sich umsah, dachte er: ,Wie könnte irgendwer von uns etwas gemein haben mit einem Menschen, der seine Männlichkeit aufgegeben hat aus Liebe?´" Aber, und hier beginnt für Nigel Francis seine ganz persönliche Reise mit Hedwig und durch ihr Leben, "wir alle haben schon geliebt, wir alle wurden mal enttäuscht, betrogen." Ganz normale und ganz ungewöhnliche Geschichten.

Bis nur noch eines übrigbleibt

Wie die Geschichte von dem ostdeutschen Knaben Hansel, der in Berlin einen amerikanischen Soldaten kennen und lieben lernt, dem seine Mutter eine (misslungene) Gechlechtsumwandlung ermöglicht und ihm ihren Pass und Namen überlässt, damit er in den Westen flüchten kann. Wo sie dann von ihrem Erwählten verlassen wird, mit einem Jungen zusammen eine Band gründet, der ihr aber ihre eigenen Songs stiehlt und berühmt wird. Diese Geschichte ist schlicht nur die Geschichte eines Menschen. Am Ende dieser Geschichte, beginnt das Musical. Und in den folgenden anderthalb Stunden blättert Francis als Hedwig Schicht um Schicht ihrer Persönlichkeit ab, erzählt Kapitel um Kapitel dieser Lebensreise, von der Liebe zum Hass zur Liebe zur Einsamkeit. Bis nur noch eines übrigbleibt. Und das Publikum entlassen wird in die Nacht und seine eigenen Gedanken über sich selbst, Hedwig, die Liebe, das Leben.

"Eines Tages", denkt Nigel Francis laut nach, "würde ich mich gerne mit Hedwigs Autoren zusammensetzen und sie fragen, wie sie das alles gemeint haben." Aber vielleicht dann auch wieder nicht. Denn Nigel Francis weiß schon, was es mit Hedwig auf sich hat, hat am Ende seiner Reise den kleinen, liebenswerten Menschen Hansel in ihr entdeckt. Sonst könnte er dieses Leben nicht so hingebungsvoll wild und emotional spielen. Rock ´n´ Roll eben.

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