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Shared-Space in Frankfurt Eine Gemeinschaftsstraße für alle

Im Zentrum von Nieder-Erlenbach hat die Stadt auf Initiative des Ortsbeirates einen gemeinsamen Verkehrsraum für Fußgänger, Radler, Autos und Busse eingerichtet. Nicht zur Freude aller. Von Jürgen Schultheis

25.01.2010 00:01
Jürgen Schultheis
Autos, Fußgänger und Radfahrer teilen sich gemeinschaftlich eine Straße. Das soll für mehr Vorsicht vor allem unter Autofahrern sorgen. Foto: FR / Oeser

Nieder-Erlenbach, sagt Wolfgang Gutschmidt, das sei der schönste, der ländlichste Stadtteil Frankfurts. "Wir haben hier alles - bis auf die Telefonnummer", sagt der Selbstständige, der seit 35 Jahren im Nordosten Frankfurts lebt und arbeitet. "Wer hier sein Geld verdient, hat eine Vilbeler Telefonnummer und eine Frankfurter Adresse. Da schimpft jeder, und das seit Jahren, weil die Kunden sich wegen der Telefonnummer wundern und sagen, 'ich denke, sie arbeiten in Frankfurt´." Kommunikativ getrennt, geographisch vereint: Es ist der umgekehrte Eschborn-Effekt, der in Nieder-Erlenbach greift. Dort beharren sie zwar gerne auf der eigenen Telefonnummer und pflegen die Distanz zur Großstadt, draußen in der Welt möchte man aber schon gerne zu Frankfurt gehören.

Seit ein paar Wochen hat Nieder-Erlenbach nun noch eine Besonderheit: Im Zentrum des Stadtteils, zwischen den Straßen Am Steinberg, Alt-Erlenbach und Am Klingelborn, hat die Stadt auf Initiative des Ortsbeirates einen gemeinsamen Verkehrsraum für Fußgänger, Radler, Autos und Busse eingerichtet, einen so genannten shared space. Vor Wochen hat das Verkehrsdezernat deshalb den Schilderwald abholzen lassen und den Verkehrsraum als 30 km/h-Zone ausgewiesen. Mit dem Konzept sollen alle Verkehrsteilnehmer, vor alle die Autofahrer, gezwungen werden, weitaus mehr als bisher auf die anderen, meist schwächeren Verkehrsteilnehmer Rücksicht zu nehmen.

Doch was im holländischen Oudehaske, im niedersächsischen Bohmte und in der Londoner High Kensington Street erfolgreich realisiert worden ist, wird im Frankfurter Stadtteil angesichts der aktuellen Situation kritisch bewertet, im Grundsatz aber positiv eingeschätzt. "Das hat sich noch nicht rumgesprochen", sagt Wolfgang Gutschmidt, der angesichts der veränderten Verkehrsregelung "darauf wartet, dass es kracht". Das hat einen einfachen Grund: Wer von Bad Vilbel aus über die Landstraße nach Nieder-Erlenbach gefahren ist, hatte über Jahre auf der Straße Alt-Erlenbach Vorfahrt: Wer von rechts vom Steinberg oder aus der Obermühle einbiegen wollte, musste den Fahrzeugen auf der Straße Alt-Erlenbach Vorfahrt gewähren. Das hatt auch für Radler oder Autofahrer gegolten, die aus der Charlottenburg in den Ortskern fahren wollten.

Mit dem Abbau aller Schilder gilt jetzt die Rechts-vor-Links-Regel - was manche Verkehrsteilnehmer noch nicht realisiert haben. Zudem fehlt denen, die sich im Nordosten nicht auskennen, die Orientierung. Vor dem Kahlschlag hat die abknickende Vorfahrstraße den Weg durch den Stadtteil gewiesen. Neuerdings fehlt diese Orientierungshilfe. Ingrid Soukup findet den gemeinsamen Verkehrsraum deshalb "gar nicht gut". Sie wohnt in der Charlottenburg und hat sich in den vergangenen Wochen immer wieder über Autofahrer geärgert, die von Westen her über Alt-Erlenbach in den Ort gefahren sind und mit einem Male nicht mehr wussten, ob es nun rechts oder links weitergeht.

Wer in die Charlottenburg abgebogen ist, hat sich dann schnell gewundert, weil er in einer Sackgasse stand. "Die mussten dann drehen, und die Abgase wehten ins Haus." Seit kurzem hängt nun ein Sackgassenschild, wo sich Alt-Erlenbach und Charlottenburg teilen, und damit "ist es besser geworden", sagt Soukup.

Der Kahlschlag des Schilderwaldes hat außerdem den gesamten Straßenraum zur Parkzone gemacht. "Ich bekomme keinen Parkplatz mehr, die Leute stellen sich überall hin", sagt Marion Watzka, die im Bäckerladen unweit der evangelischen Kirche arbeitet. Watzka erkennt deshalb keinen Vorteil, seitdem der Shared Space eingerichtet worden ist.

Wolfgang Gutschmidt sieht das ähnlich: "Der Lutz", sagt er und meint Verkehrsdezernent Lutz Sikorski, "hat zwar gesagt, dass die Autofahrer darauf achten sollen, wo sie parken, damit niemand gestört wird. Aber ein vernünftiges Miteinander im Straßenverkehr, das gibt es doch gar nicht in Deutschland." Dass es neuerdings eng ist an manchen Stellen, etwa direkt vor der Kirche, weil keine Halteverbotsschilder mehr hängen, kann man tagsüber immer wieder beobachten: Wenn die Busse der Linie 29 durch Nieder-Erlenbach fahren, müssen die Fahrer sehr achtsam die Kurven nehmen, weil es wegen parkender Autos eng geworden ist.

Und doch begrüßt die Mehrheit den Vorstoß der Stadt, die Schilder zu beseitigen. Davon, sagt die Mehrheit, habe es viel zu viele gegeben. Um die Lage zu bessern, empfiehlt Gutschmidt, die Bewohner mit Infoblättern besser zu informieren. "Wer keine Zeitung gelesen hat, wusste ja gar nicht, was hier passiert."

Der Liebe zum Stadtteil hat das keinen Abbruch getan. "Wer einmal Nieder-Erlenbacher Wasser getrunken hat, will nicht mehr weg", sagt Marion Watzka. Frankfurts OB Petra Roth, die Ex-Spitzenkandidatin der hessischen SPD, Andrea Ypsilanti, "und ein Oberstaatsanwalt wohnen hier im Stadtteil", sagt eine Kundin im Bäckerladen. Der Stadtteil hat einfach alles.

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