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Sexueller Missbrauch „Handschellen für die Opfer“

Zwei Landtagsausschüsse haben mit Fachleuten Strategien zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch erörtert. Vor allem der emotionale Auftritt eines missbrauchten Odenwaldschülers zieht die Abgeordneten in den Bann.

Opfer sexueller Gewalt kämpfen gegen Verjährungsfristen. Foto: dpa

Zwei Landtagsausschüsse haben mit Fachleuten Strategien zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch erörtert. Vor allem der emotionale Auftritt eines missbrauchten Odenwaldschülers zieht die Abgeordneten in den Bann.

rgen Dehmers ist es gewohnt zu warten. Elf Jahre hat es gedauert, ehe die breite Öffentlichkeit Notiz davon nahm, dass er sexuelle Verbrechen gegen ihn und andere Schüler der Odenwaldschule ans Tageslicht befördert hatte. Vier Stunden braucht es am Mittwoch, ehe der Mann mit dem Pseudonym Dehmers im Landtag zu Wort kommt. Zwei Ausschüsse des Parlaments haben zu einer ganztägigen Anhörung eingeladen, um mit Fachleuten Strategien zur Bekämpfung von sexuellem Missbrauch zu erörtern. Minister, Jugendamtsleiter, Ärzte, Staatsanwälte, Professoren haben bereits gesprochen, als Dehmers reden darf und mit seinem emotionalen Auftritt die Abgeordneten in den Bann zieht.

„Für mich ist es ein kleines Wunder, dass wir alle hier sitzen“, sagt der blonde Mann, der sich zu den Opfern des einstigen Schulleiters Gerold Becker zählt. „Als ich 1999 den Skandal öffentlich gemacht habe über die Rundschau, hat sich niemand dafür interessiert.“

Seinem früheren Internat macht er schwere Vorwürfe. „Die Odenwaldschule versucht diesen Skandal auszusitzen“, ruft Dehmers und appelliert an die Abgeordneten: „Helfen Sie uns, den Druck auf die Organisation aufrecht zu erhalten.“ So müsse die Schule eine angemessene Entschädigung an die Opfer zahlen.

Vor wenigen Tagen haben Verantwortliche des Sozialministeriums mit dem örtlichen Jugendamt und den Verantwortlichen der Odenwaldschule zusammengesessen, wie Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) zuvor berichtet hat. Das Land verlange eine „Neuausrichtung“ des Internats, die mit der Berufung eines Heimleiters vor wenigen Wochen begonnen habe.

Das Ziel erläutert Grüttners Referatsleiter Hanspeter Pohl. Es dürfe in Zukunft „keine Vermischung“ von Schule und Heim mehr geben, berichtet er. Mit anderen Worten: Die Lehrer sollen nicht mehr gleichzeitig „Familienväter“ sein. Vielmehr müsse diese Betreuung von anderen Personen, von Erziehern und Sozialpädagogen, geleistet werden. Einen schnellen Umbruch weg vom alten Konzept der Schule hält das Ministerium allerdings nicht für realistisch – das brauche Jahre.

Ex-Missbrauchsopfer Dehmers kämpft derweil noch auf einem anderen Feld: Er fordert längere Verjährungsfristen – und spricht aus eigener leidvoller Erfahrung. „Ich habe Herrn Becker angezeigt, aber ich bin viel zu alt, um einen Prozess zu führen.“ Dabei ist Dehmers gerade erst 42 Jahre alt.

Der Streit über die Verjährungsfristen, die derzeit höchstens 20 Jahre nach dem 18. Lebensjahr umfassen, zieht sich durch den Anhörungstag. Justizminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) hält nichts von einer Verlängerung der Fristen im Strafrecht. Es müsse eine „befriedende Funktion“ behalten – und die werde auch durch Verjährung erreicht.

Unterstützung erhält Hahn von der Staatsanwältin Kerstin Reckewell. Sie wendet ein, dass Verurteilungen nach vielen Jahren oft nicht mehr möglich seien. Wenn aber die Täter freigesprochen werden müssten, dann sei das erst recht eine „Belastung für Opfer“.

Dehmers widersprich. „Für mich wäre es ein Sieg gewesen, diesen Prozess zu führen“, sagte er. Die Verjährungsfristen empfinde er jedenfalls als „Handschellen für die Opfer“.

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