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Sexualität „Opa hat ein Recht auf Pornogucken“

Sexuelle Selbstbestimmung gilt auch in Altenheimen. Expertin Petra Zimmermann schult Pflegekräfte entsprechend.

Petra Zimmermann
Petra Zimmermann (61), ist Geschäftsführerin von Pro Familia in Kassel. Die Paar- und Sexualberaterin gehört zu dem Team, das das Fortbildungs-Konzept ?Sexualität (k)ein Thema in der Altenpflege? erarbeitet hat. Foto: privat

Sexuell aktive Senioren sind in Film, Literatur oder Medien längst kein Tabu mehr. Wohl aber in der ambulanten oder stationären Pflege. Pro Familia Hessen will das ändern. In Kooperation mit der Frankfurt University of Applied Sciences bietet der Verein kostenlose Fortbildungen und Vorträge für Altenpflegekräfte an.

Frau Zimmermann, welche Rolle spielt Sexualität im offiziellen Alltag eines Altenheims?
Keine. In der Altenpflege ist Sexualität ein Thema, das immer noch tabuisiert ist. Dabei geht es um die Verwirklichung von sexuellen Rechten. Für die Akzeptanz sexueller Bedürfnisse alter Menschen braucht es eine veränderte Haltung der Beschäftigten, möglicherweise auch veränderte Strukturen in Einrichtungen. Man muss sich mit Tabus, Schamgrenzen, Moralvorstellungen auseinandersetzen. On top kommt mitunter noch die ablehnende Haltung von Angehörigen hinzu.

Was haben Angehörige damit zu tun?
Ein Beispiel aus der Praxis: Die Familie bringt einen hochbetagten Mann ins Altersheim. Und da sagt die Enkelin: „Der Opa bekommt keinen Fernseher, sonst guckt er Pornos.“ Aber das ist seine Sache, und das darf auch keiner verbieten. In unserem Land gibt es das Grundrecht auf sexuelle Selbstbestimmung.

Aber als Pflegekraft ist es doch auch unangenehm, wenn der Bewohner Pornos schaut.
Ja, da muss man vorurteilsfrei mit ihm verhandeln. Die Leitung erklärt, dass sie das ihren Mitarbeitern nicht zumuten möchte. Sie schlägt vor, dass er zu bestimmten Zeiten an die Tür einen Zettel hängen kann: „Bitte nicht stören.“ In dieser Zeit kommt dann keiner rein. Das wäre ein guter Umgang und ein hohes Maß an Akzeptanz.

Was ist mit Sex unter den Bewohnern?
Natürlich gibt es den. Gerade wenn die Menschen dement erkrankt sind und sich nicht mehr an Ehefrau oder Ehemann erinnern. Wenn sie jemand Neues kennenlernen, kann es sein, dass Kinder das untersagen wollen. So einfach ist das aber nicht, auch dann nicht wenn man gesetzlicher Betreuer ist. Die Pflegekräfte stehen in einem solchen Fall oft zwischen den Angehörigen und dem Bewohner. Möglicherweise macht der Träger mit bestimmten Vorstellungen zusätzlich Druck. In solchen Situationen brauchen sie Orientierung und Unterstützung.

Wie lässt sich ein Wandel in einer Einrichtung bewirken?
Wir plädieren dafür, Sexualität in das Konzept einer Einrichtung einzuarbeiten. Es geht um eine Haltung der Mitarbeitenden und darum, dass das Thema Sexualität besprechbar wird. Sie brauchen Unterstützung in der Kommunikation mit Angehörigen und auch darin, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen.

Eben. Speziell weibliche Pflegende riskieren ja auch, begrabscht zu werden. Dann müssen sie Bewohnern auch die Genitalien waschen. Da kommt es doch zu unangenehmen Situationen, oder?
Die können passieren. Aber wenn das tabuisiert ist, man noch nicht mal mit Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen kann, ist das alles noch viel schlimmer. Es ist viel leichter, wenn es ein gemeinsames Thema sein kann und zusammen Strategien entwickelt werden können.

Wird ein Bewohner bei der Aufnahme ins Heim über seine sexuelle Vorlieben befragt?
Nein. Darüber wird nicht gesprochen. Aber vielleicht kann das an anderer Stelle mal Thema sein. Es wird ja auch Biografiearbeit gemacht. Da könnte man über Sexualität ins Gespräch kommen. Denkbar ist ja auch, dass er oder sie homosexuell ist.

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