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Sexualerziehung in Hessen Die Rechten blasen zum Gegenangriff

Seit diesem Schuljahr gilt in Hessen ein neuer Sexualkundelehrplan, der für Verschiedenheit und Vielfalt wirbt. Jetzt formieren sich die Rechten zum Widerstand.

In Stuttgart ist die Neuausrichtung der Sexualerziehung heftig umstritten. In Hessen wurde der neue Lehrplan einfach eingeführt. Foto: imago

Es ist keine Woche her, dass der neue Lehrplan zur Sexualerziehung öffentlich wurde, da schießt die rechte Szene um die berüchtigte „Demo für alle“ aus allen Rohren. Grund: Das Land Hessen hatte es gewagt, die sexuelle Aufklärung im Unterricht dahingehend zu modifizieren, den Schülern die Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans- und intersexuellen Menschen vermitteln zu wollen – und damit „ein offenes, diskriminierungsfreies und wertschätzendes Verständnis für die Verschiedenheit und Vielfalt“.

Der ursprüngliche Lehrplan von 2005 hatte schon seinerzeit nach Niederbayern anno 1950 gerochen, sind doch andere Lebenskonzepte jenseits des heterosexuellen Vater-Mutter-Kinder-Modells längst gesellschaftliche Realität. Das zu akzeptieren, davon aber ist der Verein um Hedwig von Beverfoerde mit tatkräftiger Unterstützung von Beatrix von Storch und Birgit Kelle jahrhunderteweit entfernt. „Hammer im schwarz-grünen Hessen! Gegen den ausdrücklichen Willen der Landes-Elternvertretung, gegen das Votum der katholischen Kirche, ohne Absprache mit der Fraktion und ohne öffentliche Diskussion hat das CDU-geführte Kultusministerium unter Alexander Lorz still und heimlich bereits am 19. August 2016 einen radikalen Sexualerziehungs-Lehrplan erlassen, der Kindergefühle und Elternrechte mit Füßen tritt“, poltert es auf Facebook, wobei die Aktivisten wohl am meisten erzürnt haben dürfte, dass sich Hessen auf ein Theater à la Baden-Württemberg erst gar nicht eingelassen hat.

Sowieso löst sich der Post bei näherer Betrachtung in ein Wutwölkchen auf: Der ausdrückliche Wille der Elternvertretung, wie es heißt, bezieht sich gar nicht auf den ganzen Lehrplan, jedoch, und das ist skandalös genug, auf den Begriff der Akzeptanz. Mit „Toleranz“ hätten die Herren und Damen Vertreter wohl leben können, obgleich Toleranz nichts anderes meint, als nicht strafrechtlich zu verfolgen, was man eigentlich ablehnt. Doch die Herren und Damen, die nur tolerieren wollen - das sind 19 Mütter bzw. Väter, und wie das Votum tatsächlich zustande kam, hat die Elternvertretung auf ihrer Homepage bislang nicht transparent gemacht. Entsprechend formiert sich bereits Widerstand von Eltern, die sich von der Haltung distanziert und über den Lehrplan als „längst überfällig“, wie Manuela Rottmann in einem offenen Brief auf Facebook schreibt, gefreut haben. Bislang haben um die 70 Eltern ihren Brief, den sie nach Wiesbaden schicken wird, unterstützt.

Zu den mit Füßen getretenen Kindergefühlen ist einzuwenden, dass die Schülervertretung den neuen Lehrplan, dessen Lektüre allen besorgten Eltern empfohlen sei, ausdrücklich begrüßt. Und weiter entspricht es dem säkularen Auftrag jeder Bildungsinstitution, den Unterricht auch und gerade gegen das Votum der katholischen Kirche zu gestalten, da mag es im Gebälk noch so Klage läuten.

Die „Demo für Alle“ verbreitet derweil eine Petition („Aktion Kinder in Gefahr“) und ruft zum Marsch nach Wiesbaden am 30. Oktober auf. Unterstützung erhält sie von der radikalen Christin und Islamfeindin Heidi Mund. Die hat auf ihrer Facebook-Seite ihre Schwester im Geiste, Brunhilde Rusch, eine Protestnote an Kultusminister Lorz formulieren lassen. Da schwadroniert sie von der „Verschweinung der Gesellschaft“ als „Zielsetzung der Frankfurter Schule“,  wobei sie es nicht zulassen werde, „dass unsere Kinder in staatlichen Kitas und Schulen missbraucht und indoktriniert werden durch Lehrpläne, hinter denen m.E. nur pädophile Interessen aus den Reihen der Grünen kommen. Diesen Päderasten ist das Handwerk zu legen!“

Gegen den „braunen Sumpf“ mobilisiert bereits die Facebook-Gruppe „Warmes Wiesbaden“ und plant für den 30. Oktober eine Gegenkundgebung. Das hessische Kultusministerium hat übrigens nicht vor, den beschlossenen Lehrplan zur Diskussion zu stellen. Wir sind eben nicht in Baden-Württemberg.

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