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Segensroboter in Wiesbaden Roboter erteilt Wiesbadenern den Segen

Ein Segensroboter in der Wiesbadener Marktkirche berührt manche Menschen fast wie ein Pfarrer. Die Maschine soll Gespräche über die Ethik des Digitalen auslösen.

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„Sei getrost und unverzagt“ ... Roboter BlessU-2 bei der Arbeit. Foto: Michael Schick

„Guten Tag, hello, bonjour, kann ich dich segnen, can I bless you?“, fragt der Roboter mit einer freundlichen Frauenstimme. Das Mädchen nähert sich entschlossen und gibt auf dem Display ein, dass es dafür bereit ist. „Von einer männlichen oder weiblichen Stimme?“ „Männlich.“ „In welcher Sprache?“ – „Deutsch.“ Mit runden Kunstaugen schaut der dicke Blechroboter aus dem kleinen Plastikkopf auf sein Gegenüber. Dort, wo die Lippen zu vermuten wären, blinken rote Lämpchen. Seine Arme heben sich in die Höhe; das ist ein schauriger Moment, die langen Finger strecken sich. „Sei getrost und unverzagt, denn Gott ist mit dir bei allem, was du tun wirst“, sagt der Roboter. Nach dem Segen klappt er zuerst die Finger wieder ein und senkt dann die Arme.

„Der Spruch ist schon ermutigend, aber nicht so überzeugend wie bei einem Menschen, er hat das ja nur einprogrammiert“, fasst die 15-jährige Ricarda ihren Eindruck zusammen. Sie ist eine der Personen, die in der Wiesbadener Marktkirche ausprobieren, wie es ist, von einer Maschine gesegnet zu werden. Der Segensroboter wurde als Kunstinstallation für die Weltausstellung der Reformation in Wittenberg 2017 konstruiert. Dort war er so erfolgreich – 10 000 Menschen ließen sich von ihm segnen –, dass er jetzt durch Deutschland tourt.

Die evangelische Kirche möchte mittels des Roboters über ihr Verständnis von Segen mit den Menschen diskutieren und darüber, wo die ethischen Grenzen von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz liegen. „Niemand will, dass ein Roboter in der Kirche segnet“, sagt Fabian Vogt von der Öffentlichkeitsarbeit der Kirche Hessen und Nassau, der die Idee für die Segensmaschine hatte. Die Kirche müsse sich Gedanken machen, ob die digitale Entwicklung Einfluss auf sie nehmen dürfe. „Und wenn nicht, muss sie gute Gründe dafür haben.“

Dekan Martin Mencke kann sich vorstellen, mehr mit Gottesdienstformaten zu experimentieren, denn die Jugend sei neugierig auf den Computer. „Die finden das cool.“

Sabine Bensberg, 54, möchte den Segen auf Hessisch hören. „Wenn de Dorscht hast, gibt er dir ze trinke“, sagt der Blechkasten. „Das ist schon komisch, wenn er die Arme hebt, aber es hat mich nicht berührt“, meint sie. Jan Claußen, 42, hingegen gibt zu: „Das macht was mit einem, man ist emotional dabei.“ So ähnlich sieht das auch Vladislav Golyschkin, Kirchenvorstand in der Paul-Gerhardt-Gemeinde, der die Menschen am Roboter einweist. „Als ich ihn das erste Mal ausprobierte und die Augen schloss, hatte ich ein positives Gefühl; der Zuspruch löste etwas in mir aus“, erinnert er sich.

Eine 65-Jährige beäugt kritisch das Ding. Dann spult der Blechkasten sein Programm ab: „Gott segne dich und behüte dich. Gehe hin im Frieden Gottes.“ „Als Ersatz kann ich mir das nicht vorstellen“, sagt die Frau, „wenn man psychisch angeknackst ist, braucht man doch Wärme.“

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