Schulen in Hessen Eltern wollen echte Inklusion

Die Änderungen im hessischen Schulgesetz stoßen auch bei Lehrern und Schülern auf Kritik. Vor der Expertenanhörung im Landtag stellten sie ihre Positionen vor.

Kinder mit Handicaps sollen in der Schule dazugehören. Dazu fehlten die Voraussetzungen, sagen die Kritiker. Fotograf: dpa

Der Entwurf zur Novellierung des hessischen Schulgesetzes stößt bei den Betroffenen auf wenig Begeisterung. Im Gegenteil: Die Unzufriedenheit ist groß. Die Inklusion behinderter Kinder und eine qualitativ gute Ganztagsbetreuung werde mit den darin vorgeschlagenen Änderungen nicht erreicht, kritisierten am Dienstag in Wiesbaden Vertreter der Lehrergewerkschaft GEW und des Landeselternbeirats. Der Vorsitzende des Landesschülerrats, André Ponzi forderte ein Ende der hierarchischen Strukturen. Schulen müssten nicht nur theoretisch Demokratie lehren, sondern sie auch praktisch „leben lassen“. Als Beispiel nannte er die Schulkonferenzen. Die müssten zu je einem Drittel von Eltern, Schülern und Lehren besetzt sein. Bislang sind die Hälfte Lehrer. Dieses Gremium sollte auch den Schulleiter benennen, forderte der Vertreter der hessischen Schüler.

Am heutigen Mittwoch findet im Landtag eine Expertenanhörung zu dem Gesetzentwurf statt. In einer gemeinsamen Pressekonferenz listeten die Vertreter der Schüler, Eltern und Lehrer am Tag zuvor nochmals ihre Kritikpunkte auf. Das Kultusministerium hätte zunächst die Arbeitsergebnisse der „Enquetekommission Kein Kind zurücklassen“ abwarten müssen, monierte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Maike Wiedwald. Die juristischen und formalen Hürden für die Inklusion würden erhöht. „Menschenrecht kann man nicht unter Vorbehalt stellen.“ Genau dies tue aber das Ministerium.

So könne ein Behinderter nicht automatisch die selbe Grundschule besuchen, wie die Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft, erläuterte Ilse Marie Krauth von der Landesgruppe Hessen im Grundschulverband. Der Gesetzentwurf sieht „inklusive Schulbündnisse“ vor, das bedeute möglicherweise lange Schulwege und eine Konzentration von Behinderten in bestimmten Schulen. Um Personal zu sparen, würden Behinderte schon in jungen Jahren separiert.

Reiner Pilz vom Landeselternbeirat Hessen forderte, echte Ganztagsschulen statt den so genannten „Pakt für den Nachmittag“ gesetzlich zu verankern. Kinder dürften nicht nur „verwahrt werden“. Der Nachmittag sei die Zeit für individuelle Förderung. Um Chancengleichheit zu ermöglichen, müsse das Angebot unentgeltlich sein: „Wir haben Eltern, die zahlen 250 Euro monatlich pro Kind.“

Rückendeckung kam von der hessischen Linksfraktion: „Nach wie vor gibt es keine verbindlichen Qualitätsstandards für Inklusion – weder für die Pflichtschulzeit, noch für die Berufsschulen und schon gar nicht für die Berufsausbildung“, sagte die bildungspolitische Sprecherin Gabi Faulhaber. Statt echte Ganztagsschulen zu schaffen, ziehe „der Mogelpakt für den Nachmittag“ ins Schulgesetz ein.

CDU-Landtagabgeordneter Armin Schwarz lobte den Entwurf von Kultusminister Alexander Lorz (CDU): Er beinhalte „eine deutliche Stärkung der Wahlfreiheit für die Eltern“. Deren Wünsche nach einem vielfältigen Schulsystem mit möglichst differenzierten Wahlmöglichkeiten würden erfüllt. Die Schulgemeinden bekämen „ein hohes Maß an Planbarkeit und Verlässlichkeit“.