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Schule „Der Beruf hält frisch und jung“

Ausbilder Böhne spricht über die Schönheit des Lehrer-Seins und mehr Ehrlichkeit.

Unterricht
Unterricht in Hessen: Wie oft er ausfällt, weiß der zuständige Minister nicht so genau. Foto: dpa

Lehrer fehlen. Das liegt auch daran, dass viele nicht die Pensionsgrenze erreichen. Gerade erst hat eine Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs) im Auftrag der hessischen Linken die Zahl von 3000 Pädagogen genannt, die in den vergangenen fünf Jahren zumeist wegen Berufsunfähigkeit aus dem aktiven Schuldienst ausgeschieden sind.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) zeigte sich zum Schuljahresbeginn zuversichtlich, dass alle Stellen auch mit qualifiziertem Personal besetzt werden könnten. Die Fibs-Studie geht davon aus, dass allerdings bis 2030 noch 2000 Lehrkräfte mehr als bislang geplant gebraucht würden.

Gleichzeitig häufen sich die Beschwerden aus den Schulen über schwierige Arbeitsbedingungen und Überlastung. Ist der Beruf attraktiv genug, um auf Dauer genug Lehrkräfte zur Verfügung zu haben?

Herr Böhne, können Sie heute jungen Menschen dazu raten, Lehrer zu werden?
Das kann ich auf jeden Fall. Es ist ein sehr schöner und erfüllender Beruf. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hält außerdem frisch und jung.

Von Schönheit und Erfüllung schwärmen zurzeit nur wenige Lehrkräfte. Vielmehr ist die Rede davon, dass der Alltag immer schwieriger zu bewältigen ist, allein schon, weil die einzelnen Kinder und Jugendliche immer mehr Aufmerksamkeit benötigen, damit der Unterricht noch gelingt.
Ich halte es für eine wunderbare Aufgabe, junge Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten. Das wiegt die Schwierigkeiten auf. Natürlich kann ich nicht jeden Tag das Gleiche machen, einfach meinen Unterrichtsplan aus der Tasche ziehen, und alles läuft. Als Lehrer muss ich mich immer auf eine neue Lerngruppe einstellen, und ich weiß, dass da ganz unterschiedliche Kinder sind mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, und ich will möglichst vielen gerecht werden. Auch wenn ich weiß, dass ich das nicht immer schaffen kann.

Sie bilden Lehrkräfte aus. Lernen künftige Lehrerinnen und Lehrer tatsächlich all das, was sie im Schulalltag brauchen?
Ich denke schon. Ich habe selbst in Bayern studiert. Da gab es an der Universität so gut wie keine praktische Ausbildung, vielleicht mal eine Vorlesung in Didaktik. Das Allermeiste in meinem Lehramtsstudium war eine fachliche, wissenschaftliche Ausbildung. Ich bin als Theologiestudent wie ein Volltheologe ausgebildet worden, mein zweites Fach war Anglistik. Dieses Studium war die Grundlage für mich, dass ich mich um die Schülerinnen und Schüler kümmern konnte. Die Methoden, die Pädagogik, die Didaktik habe ich dann im Referendariat erlernen können, aber eben auf Grundlage einer sehr guten Fachkompetenz.

Tatsächlich wird heute zumeist gefordert, schon im Studium den Umgang mit Schülern zu üben, etwa durch ein Praxissemester, wie es gerade erprobt wird.
Vielleicht ist es ja ein Irrweg zu glauben, man könnte im Studium tatsächlich die Praxis erlernen. Was an Unterricht im Praxissemester passiert, ist ja nicht die reale Situation. Da treten Menschen, die gerade zu studieren begonnen haben, mit vielleicht 19 oder 20 Jahren vor eine Klasse. Die können ja noch nicht reif für den Lehrerberuf sein. Ich halte es für ein Problem, dass die Fachlichkeit abnimmt, genauso wie die Bereitschaft junger Menschen, sich selbst in Frage zu stellen und so überhaupt erst die Chance zu haben, sich zu entwickeln.

Sie sind als Ausbilder zuständig dafür, dass im Referendariat aus Studienabsolventen Lehrkräfte werden. In Hessen haben Sie dafür 21 Monate Zeit. Genügt das? Oder braucht es gar nicht so lange? Bundesländer wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen kommen mit 18 Monaten aus.
Möglich ist das schon, jedenfalls für jene, die diese Bereitschaft zur eigenen Entwicklung wirklich mitbringen. Aber es kommen nicht immer die besten, die Lehrer werden wollen. Wenn wir deren Vorbereitungszeit verkürzen würden, würden noch mehr die Ausbildung abbrechen oder nicht ausreichend vorbereitet in den Beruf starten. Das ist nicht gut für die Schüler und auch nicht für die Menschen selbst, die häufig überfordert sind und kaum bis zur Pensionsgrenze im Schuldienst bleiben können.

Was muss man tun, damit die Besten Lehrer werden wollen?
Ich gehe an Schulen und stelle Oberstufenschülern vor, wie der Lehrerberuf wirklich aussieht. Mit all seinen Herausforderungen, aber auch seinen Schönheiten. Ich werbe also für den Beruf, weil da oft ein ganz falsches Bild existiert. Wer sich dafür interessiert, sollte mehr Möglichkeiten als heute haben, möglichst früh zu testen, ob er oder sie sich dafür eignet. Die Tests an den Universitäten gibt es ja schon, aber ich denke, es wäre gut, die Rückmeldungen und Beratungen ehrlicher und offener zu handhaben. Und es braucht mehr ehrliche und offene Rückmeldungen auch an die Referendare, was sie schon gut machen und wo sie noch besser werden müssen. Heute geschieht das leider oft zu zögerlich.

Und mehr Geld, hilft das?
Natürlich macht das den Beruf auch attraktiver. Das Wichtigste ist mehr Geld aber sicher nicht.

Sondern?
Neben der genannten Aufklärung über die Anforderungen und die Schönheiten des Berufs ist es nötig, das Image des Berufes aufzupolieren. Vor allen aber brauchen wir gute Lehrkräfte als Vorbilder, die Schüler und Schülerinnen ernst nehmen, sie wertschätzen und sie auf dem Weg in das Leben begleiten. Gute Lehrkräfte brauchen aber auch eine sehr gute Ausbildung, die braucht wiederum Zeit und natürlich auch Ressourcen. Politiker sollten Bildung nicht benutzen, um Wahlkämpfe zu gewinnen, sondern endlich als eine Investition in die Zukunft betrachten, gerade angesichts der riesigen Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Interview: Peter Hanack

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Schulen in Hessen

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