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Schulbesuchspflicht in Hessen Überall lernen, nur nicht in der Schule

Sophie Weimer gehört zu denjenigen, die sich der Schulbesuchspflicht in Hessen entziehen. Auch sie lernt - allerdings nicht in der Schule, sondern zu Hause.

Sophie Weimer ist mit dem freien Lernen prima klargekommen. Foto: Iris Schmitz

Jetzt geht’s wieder los. Früh aufstehen, pünktlich zur Schule, im Unterricht aufpassen. Hausaufgaben machen, für Klausuren lernen, Noten kassieren. Für mehr als 600 000 Jungen und Mädchen in Hessen beginnt das neue Schuljahr. Einige wenige aber berührt das nicht. Auch sie lernen – aber zu Hause.

Wir sind bei Sophie und ihrer Mutter in Hochheim (Main-Taunus-Kreis). Die Familie gehört zu den Freilernern. So nennen sich jene Familien, deren Kinder keine Schule besuchen, keine Lehrer haben, keine Zeugnisse bekommen. Die lernen, wie es ihnen gefällt. Es ist eine kleine Szene, die weitgehend im Verborgenen existiert. Denn legal ist es nicht, was diese Familien tun.

Im winzigen Gärtchen des Reihenhauses wächst und blüht es prächtig. Manchmal lernt Sophie hier auf der Gartenbank, manchmal in ihrem Zimmer, abends im Wohnzimmer, wo die Familie eine Reportage oder Nachrichtensendung gesehen hat und das zum Anlass nimmt, über Gott, die Welt und deren Beschaffenheit zu reden oder zu recherchieren. „Eigentlich lerne ich überall“, sagt Sophie. Nur eben nicht in der Schule.

Geplant war das nicht. Sophie wurde normal eingeschult, besuchte die Grundschule, wechselte auf die weiterführende Schule. „Und dann wurde es gruselig“, erzählt ihre Mutter. Ständiger Ärger mit einem Lehrer, Mobbing von Klassenkameraden, „irgendwie ging es einfach nicht mehr“, sagt Heike Weimer. Sophie zitterte morgens am ganzen Leib, bekam Fieber. Sie wurde krank geschrieben. Tage, Wochen vergingen. „Und wir fingen an, ihr daheim das Lernen zu ermöglichen.“

In Hessen sind dem Kultusministerium offiziell drei Familien bekannt, die die Schulbesuchspflicht verweigern. „Alle aus religiösen Gründen“, wie Ministeriumssprecher Stefan Löwer mitteilt. Diese Familien sind regelmäßig mit den Staatlichen Schulämtern und Gerichten in Konflikt, legen sie es mit ihrer Verweigerungshaltung doch geradezu darauf an, den offenen Streit zu führen. Sophie und ihre Familie gehören nicht dazu. Ihr Weg war alles andere als öffentlich.

„Wir haben das natürlich erst mal niemandem erzählt“, berichtet Heike Weimer. Zu groß die Angst, man könnte der Familie das Kind wegnehmen, es zwangsweise in die Schule bringen oder in die Psychiatrie einweisen.

Rechtsanwältin Sibylle Schwarz kennt die Ängste dieser Familien, sie hat schon mehrere juristisch begleitet. „Homeschooling ist in Deutschland grundsätzlich verboten“, sagt sie. Wer sein Kind vom Schulbesuch fernhält, muss damit rechnen, sich vor Gericht dafür verantworten zu müssen. „Schließlich hat der Staat ja die Aufgabe, Kinder vor Verwahrlosung zu schützen“, sagt Schwarz. Im Extremfall droht der Sorgerechtsentzug. „Eigentlich“, sagt Schwarz, „gibt es nur eine Ausnahme: nämlich dann, wenn ein Kind so krank ist, dass es die Schule nicht besuchen kann.“

Auch bei Sophie fragte das Schulamt regelmäßig nach, wann sie wieder gesund sei und in die Schule kommen könne. „Eine Zeitlang schickten wir ständig neue Krankmeldungen“, erzählt Heike Weimer. Dann begann die Familie, Sophies Lernfortschritte zu dokumentieren und ebenfalls dem Schulamt zu melden. Sophies alte Schule erklärte sich bereit, eine Lehrerin zu ihr nach Hause zu schicken, die nach dem Rechten sehen sollte. Irgendwann ließen Schulamt und Schule die Familie in Ruhe. „Man hat das dann stillschweigend geduldet“, sagt Rechtsanwältin Schwarz.

Denn es lief gut bei Familie Weimer. Sophie lernte, die Familie war Stammkunde bei Büchereien und Uni-Bibliotheken, holte sich Material aus dem Netz. Sophie lernte bei einem Hochheimer Künstler zeichnen und malen, engagierte sich in Bürgerinitiativen, schrieb Hausarbeiten zu den Risiken von Atomkraft oder dem Nutzen von Windenergie. Sie lernte so gut, dass sie inzwischen an einer Fernschule den US-Highschool-Abschluss gemacht hat und studieren könnte. „Und ich weiß auch, wie man einen Kontoauszug liest oder eine Rechnung schreibt“, sagt Sophie.

Im Herbst 2015 hat sie mit ihrer Mutter ein Bilderbuch herausgebracht, „Maus & der Weihnachtsdieb“ heißt es. Zurzeit arbeitet sie an der Fortsetzung. „Von einem Grafik- und Designstudium haben mir viele Leute abgeraten, da verliere man seine Kreativität“, erzählt Sophie. Auch im Beruf will sie einen eigenen Weg gehen. Immerhin liegt das in der Familie: Ihr Bruder Felix hat mit zwölf Jahren begonnen, Informatik zu studieren, ist gerade volljährig und fast schon wieder fertig mit dem Studium. Er arbeitet schon in einer IT-Firma.

Vereinzelte Spezies

Dass sie die Ausnahme in der hessischen Bildungslandschaft sind, ist den Weimers sehr bewusst. „Es handelt sich um eine sehr vereinzelte Spezies“, sagt die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hessen, Birgit Koch. Sie schätzt die Zahl jener, die lieber zu Hause als in der Schule lernen, für Hessen auf zwei bis drei Dutzend. „Jedes der 15 Staatlichen Schulämter hat da so seine zwei Kandidaten“, sagt sie.

Die meisten verweigerten aus religiösen Gründen den Schulbesuch, „wollen ihre Kinder beispielsweise vor dem Sexualkundeunterricht ,schützen‘“. Andere entziehen sich nach Beobachtung der Gewerkschafterin durch Umzug ins Ausland der deutschen Schulpflicht – in den USA etwa ist Homeschooling viel weiter verbreitet als in Deutschland.

Insider schätzen die Zahl der Freilerner und Homeschooler auf rund 1000 in Deutschland. Rund 600 aus dem In- und Ausland werden von 8. bis 11 September beim Schulfrei-Festival in Klein-Leppin bei Berlin erwartet. Die Veranstalter werben damit, dass die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigten, dass Lernen auch ohne Schule sehr gut gelingen könne.

Sophie hat die Schulbesuchspflicht inzwischen hinter sich gelassen, ist volljährig und kann ihre Geschichte frei erzählen.

Einblick in die Szene vermittelt auch das Buch „Wir sind so frei“, das jetzt im Tologo-Verlag erschienen ist. 29 Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz stellen sich und ihre Geschichte dort vor. Es sind 29 sehr unterschiedliche Geschichten. Wie Freilernen aussieht, ist für jede Familie anders. So steht es auf dem Buchrücken: Gemeinsam ist nur die Individualität, die Freiheit, zu lernen, was, wo, wie, wann und mit wem man möchte.

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