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Schreiner-Handwerk im Ernst-May-Haus Praktisch mit Kratzern

Was viele gern für Sperrmüll halten, ist der Ernst-May-Gesellschaft ein rares und häufig viel zu teuer zu erwerbendes Ausstellungsobjekt. Wie Restauratoren Original-Möbelstücke zu erhalten suchen. Von Kristiane Schengbier

01.03.2010 00:03
Kristiane Schengbier
Mobiliar, das in Mays Haus gehört. Foto: Christoph Boeckheler

Weder Hitze noch Säure können sie zerstören, die Arbeit des redlichen Schreinermeisters. Stabil und ohne den jeden Kratzer steht die kleine Schublade im Sonnenlicht des letzten Februar-Wochenendes. Leider. Zwar könnte alles so schön sein, denn gut hat er es ja gemeint, und dennoch - Kratzer soll sie unbedingt haben, Kerben, Griffspuren und wieder eine Schlüsselbuchse, die nicht aussieht wie frisch aus dem Baumarkt. Nicht um die Abwertung des Schreiner-Handwerks geht es am Samstag im Ernst-May-Haus in der Römerstadt, nicht um einen neuen Trend zum Trash oder die Lust an der Zerstörung - im Gegenteil.

"Das authentische Original soll erhalten werden, denn es erzählt eine Geschichte", sagt Möbelrestauratorin Barbara Naumburg, die viel Zeit damit verbringt, den Charme der so genannten Aufbaumöbel von Professor Franz Schuster aus dem "Neuen Frankfurt" wiederherzustellen. Ein Schreibtisch, ein Esstisch, zwei Anrichten, diverse Stühle, zwei Wäsche- und zwei kleinere Beistellschränke in unterschiedlichem Zustand gehen durch ihre Hände. Die Arbeit eines eifrigen Schreiners rückgängig machen - auch das gehört zu ihrem Auftrag.

Was viele gern für Sperrmüll halten, ist der Ernst-May-Gesellschaft ein rares und häufig viel zu teuer zu erwerbendes Ausstellungsobjekt. Seit Jahren suchen die Liebhaber der Bauten aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts nach den schlichten, vor allem praktischen Möbeln des Wiener Architekten Schuster, den Ernst May 1927 nach Frankfurt holte. "Zur so genannten Wohnung für das Existenzminimum sollten sie passen, zierlich und gut zu transportieren sein, abnehmbar, aufsetzbar, gut auseinandernehmbar, zum Anbauen und Umbauen", erzählen Naumburg und der Kunsthistoriker Eckard Herrel, Vorsitzender der Ernst-May-Gesellschaft: "Auch der Innenraum sollte dem neuen Bauen entsprechen." Großer Beliebtheit hätten sie sich aber nicht erfreut, muss man gestehen. "Die Leute waren das einfach nicht gewohnt. Die Sehgewohnheiten in den 20er Jahren waren noch andere, die Möbel zu schlicht. Zudem hatten die Familien kein Geld und zogen lieber mit ihren alten Möbeln in die Häuser", sagt Herrel.

Mit einer gewissen Skepsis

Daran, dass die praktischen Einrichtungsgegenstände verkannt wurden, hat sich bis heute offenbar nur wenig geändert. Was noch nicht auf dem Sperrmüll gelandet ist oder im Ofen verfeuert wurde, fristet häufig ein trauriges Dasein in Kellern, auf Speichern oder in Scheunen. "Dieser Aufsatz für das Buffet sieht noch viel schlimmer aus als auf dem Bild", berichtet Naumburg. "Die Sperrplatte ist in Fetzen gerissen, fast völlig aufgelöst, verschimmelt, vermuffelt, es stinkt!" Man habe ihnirgendwamm am Edersee auf einem Bauernhof aufgetan.

Fest steht, dass bis zu der offiziellen Eröffnung des Ernst-May-Hauses am 27. Juli, dem Tag, an dem der Architekt seinen 124. Geburtstag gefeiert hätte, auch die restlichen Möbelstücke aufgearbeitet und wieder einsatzbereit sein sollen.

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