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Schornsteinfegerin Natascha Günther Die Glücksbringerin

Schornsteinfegerin Natascha Günther reicht im Notfall auch mal Bücher über den Tresen: Sie frühstückt jeden Morgen im Buchladen.

28.08.2008 00:08
ANITA STRECKER
Wer so lacht, wird gern eingeladen. Natascha Günther frühstückt täglich im Buchladen. Foto: Monika Müller/FR

Frühmorgens, wenn die Sonne gerade aufgeht und die Stadt noch ruhig ist, dann setzt sie sich einfach hin. Ganz oben, auf dem Dachfirst, gut 25 Meter hoch über dem Boden - schaut, genießt. Die Skyline, die im Zwielicht zwischen Nacht und Tag noch von den eigenen Lichtern schillert. Genießt die Sicht auf den Feldberg oder die Kühltürme von Staudinger bei Hanau. "Manchmal nehm' ich mir mein Butterbrot mit aufs Dach und frühstücke oben."

Sie steigt anderen Leuten gerne aufs Dach, sagt Natascha Günther und lacht so fröhlich los, dass man automatisch mitlacht. Das mit dem aufs Dach steigen macht sie sogar von Berufs wegen. "Wie kann so eine junge, zierliche Frau nur Schornsteigerfegerin werden?", ruft ihr ein Passant spontan zu. Wieder lacht die 23-Jährige ihr Anstecklachen. Sie kennt das. Ohne kurze Plauderei, ein schnelles Auf-die-Schulter-klopfen fürs Tagesglück oder ein Hallo kommt sie keine 100 Meter voran.

Auf dem Sprung zur Meisterin

Nun, warum nicht Schornsteinfeger? Sie macht es seit sieben Jahren sogar ziemlich gut, steckt gerade in der Meisterprüfung. Viel Chemie, Mathe, Physik, Energieberatung - Schadstoffe in all ihren Nebenwirkungen pauken, Abgasmessungen berechnen oder die Raumluft in Relation zum Brennwert einer Heizung setzen. Aber heute geht's aufs Dach. Rund um die Berger Straße liegt ihr Kehrbezirk. Das Besitzpronomen ist durchaus wörtlich zu nehmen. Ihr Reich. Hier gehört sie hin. Ist bekannt wie ein bunter Hund, obwohl sie in Butzbach wohnt und an Kehrtagen in klassischem Schwarz erscheint: Schwarze Zweireiherjacke aus rußbeständigem dicken Baumwollstoff. Vorn mit Leder verstärkt und mit silbernen Knöpfen, die St. Florian ziert, der Schutzpatron der Schornsteinfeger.

Die 23-Jährige bleibt aber auch in Zivil nie inkognito. Viel zu sehr ist sie verwoben mit den Menschen, denen sie einmal im Jahr den Schornstein rußt oder die Abgaswerte der Heizung misst, und denen sie ständig bei ihren Runden durch den Bezirk begegnet. Den Buchhändlern Eisenbletter und Naumann zum Beispiel. Seit einem Jahr frühstückt sie täglich mit ihnen im Buchladen und packt, wenn's gar zu voll ist, auch schon mal mit an. "Wir haben immer zur selben Zeit beim Bäcker Frühstücksbrötchen gekauft und irgendwann beschlossen, gemeinsam frühstücken." Sie lacht - was sie eigentlich immer tut. Deshalb fliegen ihr auch alle Herzen zu.

Sie weiß das. Will auch bewusst so leben, dass es ihr und anderen gut geht. "Das Leben ist zu kurz, als dass man sich ärgert und schlecht fühlt." Deshalb ist sie auch keine, die Pläne machen mag. "Ich bin offen, was kommt." Im Rückblick betrachtet, ist sie damit ganz gut gefahren. Obwohl sie nach der Realschule eigentlich Schreinerin werden wollte. Ihr Lehrbetrieb ging aber in Konkurs. "Da hab ich zufällig im Fernsehen eine Reportage über eine Schornsteinfegerin in Berlin gesehen."

Das war's. Auch wenn die Mutter erst mal ängstlich und besorgt und viele Freundinnen eher Nase rümpfend reagierten. Dass ihr Lehrmeister aus der Wetterau nach Bornheim versetzt wurde, empfindet die Butzbacherin trotz der quälend frühen Pendelei inzwischen gleichfalls als Glück. "Die Bornheimer sind so freundlich wie nirgendwo sonst."

Dass sie eine gehörige Portion selbst dazu beiträgt, mit ihrer offenen Art, sagt sie nicht. Dass sie Menschen mag und Geselligkeit braucht, schon. Und so leitet sie - weil's Spaß macht - in Butzbach zweimal die Woche zwei Kindergruppen fürs Rote Kreuz. "Es ist gut, wie es ist." Der Schreinerei weint sie jedenfalls nicht hinterher. Handwerkliches Geschick lebt sie jetzt beim Teddybären nähen aus. Natürlich auch das nicht ohne Folgen. Ihre Protagonisten Lucy und Julian stehen als Postkarten-Stars bei Eisenbletter und Naumann im Drehständer. Würdig porträtiert von der Bornheimer Fotografin Eva Maria Ginsberg. "Natürlich auch eine Kundin von mir."

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