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Schloss Hungen My home is my castle

In Hungen haben Privatleute vor 40 Jahren ein verfallenes Schloss übernommen und liebevoll restauriert. Jetzt lädt die ungewöhnliche Gemeinschaft zum Fest ein.

Schön herausgeputzt: Schloss Hungen. Foto: Pitt von Bebenburg

Es war eine bewegte Zeit damals, 1974, als Fußball-Weltmeister lange Haare trugen, der Anti-Struwwelpeter von F. K. Waechter in jedem aufrechten Haushalt lag und die Grünen noch ihrer Gründung harrten. Es war eine Zeit, in der das Private politisch geworden war und viele Menschen von einem anderen Leben träumten. Von einem Leben, in dem gemeinsame Projekte statt kapitalistischer Konkurrenz den Ton angeben sollten, in dem kulturelles, soziales und politisches Engagement selbstverständlicher Bestandteil des Zusammenlebens werden sollten.

Das war das Jahr, in dem eine Gruppe entschlossener Menschen tat, was den bestehenden Institutionen nicht gelang, weder der Kommune noch der Kirche: das verfallende mittelhessische Schloss Hungen zu retten. Das Bild des Schlosses prangte auf dem Zettel, den ein Gruppenmitglied den Mitstreitern im Dezember 1974 zukommen ließ. „Liebe Schloßfreunde!“, schrieb Robert Kotzmann. „Das unten abgebildete Schlößchen wird am Dienstag, dem 17. Dezember, 15.00, beim Notar Zimmer in Gießen verschenkt. Bitte Ausweis nicht vergessen.“

Die Schlossfreunde kamen und ließen sich das Schloss schenken. 40 Jahre ist das her. Am nächsten Wochenende feiert die Schlossgruppe in Hungen ihr Jubiläum mit Musik, Animation für Kinder und einem Vortrag über die Geschichte der Gruppe. Stolz präsentieren sie das schön herausgeputzte Gebäude – schließlich ist ja der internationale „Tag des offenen Denkmals“. Dann spricht auch derjenige, der das ungewöhnliche Schlossprojekt vor mehr als 40 Jahren in Gang gesetzt hat und bis heute im Hungener Schloss lebt: Theologieprofessor Adolf Hampel.

Eigentlich ist die Hungener Schlossgruppe kein politisches Projekt. Vielleicht ist es sogar ein gewisser Mangel an theoretischem Überbau, der zugleich mit einem Überschuss an Ideen und handfestem Engagement das Schlossleben bis zum heutigen Tage erblühen lässt – im Unterschied zu manchen gescheiterten Projekten von kommunitärem Zusammenleben, die zur gleichen Zeit entstanden waren.

Initiator Hampel amüsiert sich über die Vorstellung, dass so ein Projekt auch nur von einer Übereinstimmung in wichtigen Fragen des Lebensstils geprägt sein müsste. „Keinesfalls“, widerspricht Hampel. „Die unterschiedlichen, mitunter entgegengesetzten Vorstellungen führten zu Fraktionsbildungen auch im Hinblick auf die anzustrebende Eigentumsform“, berichtete er schon bei einem früheren Schlossjubiläum. Einige, die „Sozialgruppe“ genannt wurden, „wollten am liebsten das Schloss zum Eigentum einer Kommune machen“. Andere, eher eine „Schöner-Wohnen-Gruppe“, hätten das Prinzip „My home is my castle“ wörtlich nehmen wollen.

In 22 Wohnungen geteilt

Letztere setzten sich durch. Das Schloss wurde in 22 Wohnungen mit verschiedenen Eigentümern geteilt. Aber die Ansprüche der anderen Gruppe an Engagement jenseits wirtschaftlicher Interessen blieben im Schloss Hungen allgegenwärtig. Bis heute.

„Der Geist hat überlebt“, sagt Alexander Wurz. Er ist mit 44 Jahren gut halb so alt wie Gründervater Hampel, lebt seit fünf Jahren mit seiner französischen Frau und den zwei Kindern im Schloss und hat vor einigen Monaten die Geschäftsführung der Gruppe übernommen. „Seit ich 15 bin, träume ich davon, in einem Schloss zu leben“, sagt Wurz. Eines Tages stieß er in der Frankfurter Rundschau auf eine Anzeige: „Traumwohnung im Schloss Hungen.“ Jetzt wohnt er darin.

Wurz sorgt als Geschäftsführer dafür, dass der elegante Blaue Salon gelegentlich vermietet wird. Früher war das ein Tabu, und auch heute ist das eine Frage, die die Schlossgruppe bewegen kann: Darf man mit dem Schloss Geld verdienen, auch wenn es nur ein paar Hundert Euro sind, die man dringend wieder in Haus und Park stecken muss? Wenn es um Kommerz geht oder nur um den Verdacht auf Kommerz, sträuben sich den Schlossbewohnern bis heute die Haare. Wie den ersten Mitgliedern der Gruppe, die das Projekt vor 40 Jahren auf die Beine stellten.

Das waren ein Förster und mehrere Lehrerinnen und Lehrer, ein Chemiker und ein Sozialarbeiter, ein Steuerberater, ein Immobilienhändler und einige mittellose Studenten. Handwerker gehörten nicht dazu, und der Architekt Otto Fresenius kam erst etwas später hinzu. Als die ersten 18 Eigentümer sich auf das Abenteuer eines baufälligen Schlosses einließen, fehlte es daher an jeglicher Kenntnis darüber, wie man ein solch riesiges Renovierungsprojekt angeht. „Die allgemeine Bewusstseinslage war die naiver Enthusiasten“, formuliert Adolf Hampel.

Das Ergebnis allerdings kann sich sehen lassen. Zum 25. Bestehen der Schlossgruppe gratulierte der Denkmalschützer und langjährige Landeskonservator Gottfried Kiesow. Hungen könne als Vorbild dienen, stellte der Fachmann fest und lobte „ein gelungenes Modellvorhaben“. Tatsächlich fanden sich Nachahmer in Hessen, in der Burg Cleeberg in Langgöns etwa oder im Herrenhaus Hattsteiner Hof in Münzenberg.

Im Nachhinein klingt die Geschichte von den naiven Enthusiasten wie ein modernes Märchen. Jahrhundertelang hatte das Schloss dem Adelshaus Solms-Braunfels gehört. Mit den Jahren kam es herunter. Es verfiel und diente einer Firma als Unterkunft für ihre türkischen Gastarbeiter, doch auch die sollten bald ausziehen.

Bereits 1970 bot die Adelsfamilie das mächtige Schloss sowohl der Stadt Hungen als auch der Kirche als Geschenk an. Vergeblich. Zu teuer, zu aufwendig in der Wiederherstellung. Höchstens der Abriss und die Umwandlung in einen Parkplatz sollen hartnäckigen Gerüchten zufolge von der Kommune erwogen worden sein.

1973 bezog die Familie Hampel das Pfarrhaus im Torbau des Schlosses. Die Begegnung Hampels mit Hans Georg Graf von Oppersdorff, dem Chef des Hauses Braunfels, brachte die völlig neue Idee ins Spiel. „Ich wäre froh, wenn jemand das Schloss übernähme“, sagte der Schlossherr. „Ich nehme Sie beim Wort“, antwortete der Professor.

Hampel sammelte Freunde und Bekannte um sich, die wiederum Freunde und Bekannte ansprachen. So kam die erste Schlossgruppe zustande, mit wenig Geld, aber viel Fantasie. Und Freude an diesem irrwitzig anmutenden Projekt, das alle möglichen Vorstellungen von einem alternativen Leben aufblühen ließ.

Drei Millionen Euro investiert

Die Vorstellungen der Schlosspioniere von den bevorstehenden Aufgaben waren ausgesprochen wolkig. Vielleicht hätten sie sich nie auf das Abenteuer eingelassen, wenn sie geahnt hätten, was folgen sollte. Die Schlossgruppe schätzt, dass sie bis heute etwa drei Millionen Euro in die Wiederherstellung des ehrwürdigen Gebäudes investiert hat.

Der Architekt Fresenius war der einzige vom Fach in der Schlossgruppe. Der Mann aus Frankfurt, der sich dort als Kämpfer gegen die Vertreibung von Mietern in der Arbeitsgemeinschaft Westend einen Namen gemacht hatte, half dabei, die Renovierung professionell anzugehen. „Er verstand es, die wirklich vorhandenen schwerwiegenden Schäden erst dann deutlich werden zu lassen, als die Schlossbewohner sich schon rettungslos in das alte Gemäuer verliebt hatten“, hieß es in einem Nachruf auf Fresenius.

Die Balken in der Decke erwiesen sich als faul, der Putz war ohnehin an vielen Stellen abgebröckelt. Dächer mussten eingedeckt, die Kanalisation neu verlegt werden. Die Schlossfläche von 25.000 Quadratmetern wurde in Wohnungen aufgeteilt – und die mussten mit einer Heizung ausgestattet werden. Manche Wohnungen waren sehr klein. Es gab Streit darüber, wer welche Behausung beziehen durfte – und als sich ein Bewohner beschwerte, dass eine andere sich zwei Wohnungen geangelt habe, gab diese zurück, die seien zusammen immer noch kleiner als seine große. Dazu kam die Entscheidung, welche Säle von allen genutzt werden durften. Es sollte ja auch Kultur geben im Schloss Hungen. Andere Gemeinschaften hätten sich über solche Fragen verkracht. Diese nicht.

„Hier kann man sich immer wieder gut versöhnen“, sagt Schlossgruppen-Mitglied Sabine Fellner. Es sei allerdings nicht immer einfach, „in einer guten nachbarschaftlichen Balance von Zusammenhalt als Gruppe und individuellen Freiräumen miteinander zu leben“, formuliert Klaus Dieter Wildhack in einer aktuellen Broschüre über das Schloss.

Wenn sich Alexander Wurz zum Beispiel abends an den Tisch vor seiner Wohnung im Innenhof des Schlosses setzt, kommen gerne Mitbewohner hinzu. Wurz nennt den Tisch daher den „Aperitif-Tisch“. Am anderen Ende des Innenhofs wurde jüngst eine andere Sitzgruppe angelegt. Wer sich dort hinsetzt, wird in Ruhe gelassen. So soll jeder signalisieren können, an wie viel Geselligkeit ihm gerade gelegen ist.

Individualität und Gemeinschaftlichkeit – beides wird in der Schlossgruppe Hungen groß geschrieben. Wenn Kinderbetreuung gebraucht wird, lässt sich das oft kurzfristig organisieren. „Die Diskussion über das sogenannte Mehrgenerationen-Haus müssen wir nicht führen“, sagt der frühere Geschäftsführer Gert Mehles. „Wir leben das seit 40 Jahren.“

An einer Tür im Innenhof, die als Schwarzes Brett genutzt wird, hängt die Einladung aus: Wer dazukommen wolle, um der Frankfurter Rundschau über das Schlossprojekt zu berichten, könne das gerne tun. Immerhin neun Bewohner und Eigentümer lassen sich das nicht entgehen.
Der Name des Journalisten ist hier nicht unbekannt. Er hat als Sohn von Miteigentümern Schubkarren voller Bauschutt weggefahren, als die Renovierung in den 70er Jahren losging. Denn die neuen Schlossherren investierten nicht nur Geld, sondern auch Arbeitsstunden. Die „Pflichtstunden“, die geleistet werden müssen, gehören bis heute dazu. Manche leisten sie im Kräutergarten ab, andere bei Bauarbeiten, Wurz bei der Geschäftsführung. Man kann sich allerdings auch von der Verpflichtung freikaufen.

„Heißen Stuhl“ für Bewerber

Es gibt einige solcher Regelungen, die den inneren Zusammenhalt bewahren sollen. So besitzt die Schlossgruppe bei jedem Wohnungsverkauf ein Vorkaufsrecht. Zudem muss sie jedes Mal zustimmen, wenn ein neuer Eigentümer kommt oder neue Mieter einziehen. Die Zeiten, in denen Bewerber auf dem „heißen Stuhl“ nach ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten ausgefragt wurden, gehören allerdings der Vergangenheit an.

Von den 18 ursprünglichen Eigentümern sind heute noch drei dabei. Im Laufe der Jahre hat die Eigentümergemeinschaft dafür gesorgt, dass das Schloss in neuem Glanz erstrahlt. Allein die Debatte über die Farbgestaltung des Anstrichs füllt ganze Bände von Sitzungsprotokollen. Man entschied sich für ein bestimmtes Weiß und strich die Balken nach historischen Vorlagen rot – der Denkmalschützer war zufrieden.

Heute sind das Gebäude und die Anlage gepflegt, und es gibt regelmäßig Feste, Vorträge, Konzerte, Ausstellungen oder Theater im Innenhof und in den Gemeinschaftsräumen des Schlosses, dem „Blauen Saal“ und dem „Pferdestall“. Bewohner unterstützen Kinder aus Hungen bei den Hausaufgaben, bieten afghanischen Flüchtlingen Hilfe an, laden Dichter zu Lesungen ein. Sie leben in der Gegenwart und kümmern sich zugleich um die lange Vergangenheit des Schlosses. Im Juni haben sie die Glocke, die einst vom Dach des Gebäudes erklang, aus Braunfels zurückgeholt.

Das Schloss lebt. Auch noch im Jahr 2014, in dem Fußball-Weltmeister tätowiert sind, „Empört Euch!“ in den Buchregalen steht und die Grünen mit der CDU koalieren.

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