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Schlaflabor Gegen die Frühjahrsmüdigkeit

Das Bett lockt schon kurz nach dem Aufstehen als Zufluchtsstätte, um sich vor der Welt zu verkriechen. Warum trifft die Frühjahrsmüdigkeit so viele, wie kann man ihr entkommen? Das Hofheimer Schlaflabor hat Tipps parat.

Wild Grizzly Bear
Der Bär schläft sechs Stunden, im Winter sogar rund um die Uhr. Foto: bgsmith (iStockphoto)

Es ist wie verhext: Draußen strahlt die Sonne vom blauen Himmel, Tulpen, Narzissen und Goldflieder blühen, die Luft ist mild und riecht nach Frühling. Doch der Energieschub, der die Natur in diesen Tagen förmlich explodieren lässt, erfasst längst nicht alle Menschen. Im Gegenteil: Viele sind gerade jetzt erschöpft und schlapp. Das Bett lockt schon kurz nach dem Aufstehen als Zufluchtsstätte, um sich vor der Welt zu verkriechen.

„Das sind typische Anzeichen von Frühjahrsmüdigkeit“, sagt Markus Bernd Specht, der das Schlaflabor im Hofheimer Krankenhaus leitet. Specht ist Diplompsychologe, psychologischer Psychotherapeut und Somnologe, also Schlafmediziner – und weiß, was schuld daran ist, dass der Körper in diesen Tagen schwächelt und die Stimmung im Keller ist. „Beim abrupten Wechsel von Dunkel zu Hell, von Kalt zu Warm am Beginn des Frühjahrs kommt der menschliche Organismus oft nicht mit. Er kann dann weder die starken Temperaturschwankungen ausgleichen noch die Hormonproduktion anpassen.“

Die Speicher des Glückshormons Serotonin seien nach den langen Wintermonaten, in denen der Melatoninspiegel angestiegen ist, fast leer. Auch Endorphine fehlten. „All das macht dem Körper zu schaffen“, sagt Specht. Außerdem spiele oftmals der Kreislauf verrückt, weil die Gefäße sich bei warmen Wetter ausdehnten und der Blutdruck sinke. „Man kommt dann tagsüber nicht auf Touren, obwohl man nachts ausreichend geschlafen hat.“

Frühjahrsmüde sind seinen Angaben zufolge nur Menschen auf der Nordhalbkugel. Das hänge mit dem Lauf der Sonne zusammen. Mindestens jeder Dritte leide hierzulande zwischen März und Mai unter körperlichen Symptomen, wenn die Tage länger werden und die Temperaturen nach oben klettern. Eine Krankheit ist die Frühjahrsmüdigkeit nicht. Es gibt deshalb auch keine klinische Diagnose dafür, sondern nur eine Beschreibung der Symptome. Und Frühjahrsmüdigkeit muss in der Regel auch nicht von einem Arzt behandelt werden. Sie verschwindet nach einigen Wochen von selbst.

Was aber kann man tun, um die Zeit bis dahin besser zu überstehen, wie kann man dem Körper helfen, sich an Licht und Temperatur der warmen Jahreszeit anzupassen? „Sich im Bett verkriechen und dem Schlafbedürfnis tagsüber nachgeben, ist definitiv der falsche Weg“, weiß Markus Bernd Specht. Auch wenn es noch so schwerfalle – „rausgehen, sich im Freien bewegen, die Sonne ranlassen ist die beste Strategie, die Frühjahrsmüdigkeit loszuwerden“.
Durch Bewegung an frischer Luft stabilisiere sich der Kreislauf, das innere Aktivitätssystem fahre hoch, Sonneneinstrahlung baue das Schlafhormon Melatonin ab und kurble die Serotoninproduktion wieder an. Tagsüber zu schlafen hingegen verstärke die Müdigkeit. „Das ist absolut kontraproduktiv.“

Überhaupt empfiehlt der Fachmann, im Frühjahr und Sommer eine Stunde kürzer zu schlafen als in den Herbst- und Wintermonaten. Dabei sei das durchschnittliche Schlafbedürfnis individuell verschieden. „Es gibt Menschen, die kommen mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht aus, andere brauchen elf Stunden, um fit und leistungsfähig zu sein“, sagt Specht. Dass der Mensch sieben bis acht Stunden Schlaf brauche, sei eine Faustregel. „Das muss nicht für jeden gelten.“

Auch mit dem Mythos, der Schlaf vor Mitternacht sei der gesündeste, räumt der Fachmann auf. In der ersten Stunde nach dem Einschlafen seien die Tiefschlafphasen am häufigsten. „Wann das stattfindet, ist dabei nicht unbedingt relevant.“ Viel wichtiger, um morgens ausgeschlafen zu sein, ist laut Specht ein regelmäßiger Schlafrhythmus. Vor allem die Zeit, zu der man aufsteht, sollte immer die gleiche sein. Ist das nicht der Fall – etwa bei Schichtarbeitern, die im unregelmäßigen Wechsel mal tags und mal in der Nacht arbeiten –, kommt der Organismus durcheinander.

Chronische Schlafstörungen sind programmiert. Man kann dann nicht einschlafen und nicht durchschlafen, wacht mehrfach auf, liegt wach, grübelt und ist nach dem Aufstehen wie gerädert.

Schlafmittel einzunehmen sei keine Lösung, warnt Specht. „Man kann damit allenfalls vorübergehende Schlafprobleme in den Griff bekommen.“ Längerfristig sei es wichtig, die innere Uhr wieder zu takten, ein Umfeld zu schaffen, in dem man entspannt schlafen könne, und gegebenenfalls Expertenhilfe im Schlaflabor in Anspruch zu nehmen. Auf die, rät Markus Bernd Specht, sollte auch zurückgreifen, wer im Juni immer noch unter Frühjahrsmüdigkeit leide.

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