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Schenkung Wiesbaden wird plötzlich für die Kunstszene interessant

Die Schenkung von zwei Mäzenen wertet die Kunstszene in Wiesbaden mit einem Schlag auf. Es geht um Werke im Wert von Dutzenden Millionen Euro.

Reinhard Ernst
Nur ein Gebäude wird noch gesucht: Reinhard Ernst will der Stadt Wiesbaden seine Kunstsammlung vermachen. Foto: Michael Schick

Wiesbaden wird gerade ein unfassbares Glück zuteil. Zwei Kunstsammler verschenken unabhängig voneinander ihre hochkarätigen und kostbaren Sammlungen, und beide wünschen, dass die Werke in Wiesbaden öffentlich ausgestellt werden. Kennern zufolge sind beide Sammlungen so wertvoll, dass Wiesbaden mit einem Schlag für die internationale Kunstszene interessant werden könnte.

Ferdinand Wolfgang Neess hat seine Jugendstil-Werke, darunter Gemälde, Lampen, Glas und Möbel, die in jedem Standardbuch über diese Epoche dargestellt sind, dem Landesmuseum, also dem Land Hessen, vermacht, das die Werke bereits offiziell angenommen hat. Die Schenkung umfasst 570 Exponate des Jugendstils und Symbolismus, die teils auf der Weltausstellung 1900 in Paris zu sehen waren – und sie hat einen Wert von mehr als 41 Millionen Euro. Der frühere Kunsthändler hatte sie seit den 1960er Jahren zusammengetragen, darunter Gemälde und Zeichnungen von Delville, Moreau und Vogeler, Möbel von Riemerschmied, Lampen von Tiffany und Plastiken von Minne.

Sie sollen im Südflügel des hessischen Landesmuseums einen würdevollen Platz erhalten. Dort wird gerade an der passenden Ausgestaltung der Räumlichkeiten gearbeitet. „Die Sammlung passt gut in unser Haus und wird deutschlandweit Signalwirkung haben“, sagt Museumsdirektor Alexander Klar begeistert, der sein Museum bereits auf einer Stufe mit dem Musée de l’école in Nancy und dem Musée d’Orsay in Paris sieht. Die Neess’sche Schenkung fülle die Lücke zwischen den beiden Schwerpunkten des Landesmuseums, der Kunst des 19. Jahrhunderts und des Expressionismus.

Der Unternehmer Reinhard Ernst hat für seine abstrakte Kunst aus dem Nachkriegsdeutschland und aus Frankreich, Italien, den USA und sogar Japan einen anderen Weg gewählt und seine Werke in eine Stiftung überführt. Die Reinhard-und-Sonja-Ernst-Stiftung möchte in Wiesbaden ein Museum bauen, in dem die Werke zu sehen sein sollen. Architekt soll der weltberühmte Fumihiko Maki sein, der unter anderem das Four World Trade Center am Ground Zero in New York entworfen hat. Allein für das Gebäude plant die Stiftung 40 Millionen Euro ein.

Die Sammlung enthält 500 Gemälde und soll laut einem unabhängigen Gutachter einen Wert von 50 bis 70 Millionen Euro besitzen. Zu Ernsts Sammlung gehören Werke von K. O. Götz und Hubert Berke, den Künstlergruppen ZEN49, Junger Westen und Gruppe 53. Ernst nennt die weltweit größte Anzahl an Werken der amerikanischen Künstlerin Helen Frankenthaler sein eigen und erwarb bereits Bilder der japanischen Künstlergruppe Gutai, als diese selbst in Japan noch unbekannt war. Einige Stücke, so berichtet der Sammler, habe er schon an namhafte Museen verliehen, darunter das Guggenheim-Museum in Venedig. Gerade liege eine Anfrage aus New York auf dem Tisch.

So unterschiedlich die beiden Sammlungen auch sind, Landesmuseumsleiter Klar sieht „die Gefälligkeit des Jugendstils neben der Minimal Art“ als besonderen Reiz, von dem beide Häuser profitieren würden. „Kunstreisende lieben Cluster“, sagt er. Zumal die Häuser nicht nur in einer Stadt, sondern in unmittelbarer Nachbarschaft stehen könnten.

Ernst hat für sein Projekt ein prominentes Grundstück im Auge, die Wilhelmstraße 1, nur durch die Rheinstraße vom Landesmuseum getrennt. Es ist eine glückliche Fügung, dass ausgerechnet diese zurzeit als Parkplatz genutzte städtische Fläche in exquisiter Lage noch frei ist. Die vorangegangene große Koalition im Rathaus hatte dort verschiedene umstrittene Bauvorhaben und Grundstücksgeschäfte geplant, die viel Unfrieden in die Stadt brachten und scheiterten.

Mit den neuen Mehrheitsverhältnissen nach der Kommunalwahl 2016 konnten SPD, Grüne, FDP, Linke und Piraten ein Bürgerbeteiligungsverfahren durchsetzen. Just dann platzierte Ernst sein Angebot, mit dem Ergebnis, dass sich die Bürger für sein Museum aussprachen. Inzwischen sind alle Fraktionen für das Projekt, allerdings ist es einigen etwas zu elitär. Linke, Grüne und Teile der SPD fordern, dass auch etwas für die Wiesbadener Bevölkerung herausspringt: Möglichkeiten für Sonderausstellungen und Seminare und niedrige Eintrittspreise. Die Verhandlungen darüber laufen derzeit.

Fast keine Kosten für Stadt

An der Stadt blieben fast keine Kosten hängen, da die Stiftung das Museum auch betreiben würde. Lediglich für die Erschließung des Grundstücks, das die Stadt für 99 Jahre an die Stiftung verpachten würde, müsste Wiesbaden aufkommen. Das neue Museum hat also das Zeug, den Schlusspunkt zu setzen unter jahrelangen Zwist um genau diesen Standort. Aber die Stadtverordneten müssen ihr Okay noch geben.

 

Vielleicht deshalb mahnte Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD) kürzlich die Parlamentarier zur Einheit. Denn ein Projekt dieser Größenordung verlange Unterstützung. „Wir müssen das Museum wollen“, betonte er. Wenn die Stadt es erst mal habe, „werden andere Städte uns darum beneiden“. Für Landesmuseumschef Klar ist es ein Zeichen für das verbesserte politische Klima in der Stadt, dass sich gleich zwei Männer Wiesbaden als Ausstellungsort für ihre Sammlungen ausgesucht haben.

Für den Verbleib der Sammlungen in der Stadt hatte sich Klar im Vorfeld eingesetzt. Die Jugendstil-Schenkung helfe ihm zudem, beim Land die seit Jahren eingeforderte Erweiterung des Landesmuseums zu legitimieren. Klar hat das Ziel, zum 200-jährigen Bestehen des Hauses in 15 Jahren ein Museum von größerem Umfang und höherer Bedeutung zu präsentieren.

Wie immer im Leben, gibt es auch die andere Seite der Medaille. Die rund 500 000 Euro, die notwendig sind, um die Jugendstilwerke angemessen im Landesmuseum darzustellen, muss das Museum selbst tragen. Im Herbst beginne eine Fundraising-Aktion, kündigt Klar an, er zähle auf die Wirtschaft, die Stadt und die Region. Inhaltlich werde die Schenkung das Gesicht des Landesmuseums verändern. „Wir möchten kein Gemischtwarenladen werden“, sagt er. Dass der Jugendstil ein Schwergewicht werden wird, steht indes fest: Das Landesmuseum will die Schenkung zum Anlass nehmen, ein Forschungszentrum zum Jugendstil einzurichten.

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