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Schafe in Hessen Herden im Herbstglück

Für das Schaf als „Haustier des Jahres“ endet eine schwierige Saison. In Hessen geht die Haltung zurück.

Schafherde im Kirdorfer Feld
Mit Blick auf Homburgs Türme: Heiko Berbalks Herde beweidet zum Saisonausklang das Kirdorfer Feld. Foto: Rolf Oeser

Das „Haustier des Jahres“ ist noch wenige Stunden im Kirdorfer Feld zu besichtigen. Weder Hund noch Katze sind es, die den parzellierten und geschützten Obstbaumbezirk mit ihrem Dasein bereichern – vielmehr zieht die tausendköpfige Schafherde von Heiko Berbalk in pflegerischer Absicht zweimal pro Jahr durchs Gelände. Wer dem vielhufigen Treiben vor den Toren Bad Homburgs zuschaut, darf an der Zuweisung „Haustier“ zweifeln.

Für Schäfermeister Berbalk, der in Wüstems einen Hofladen und in Frankfurt mehrere Marktstände betreibt, fällt der eigene Rhönschafbestand eher in die Kategorie „Nutztier“. Den Wollträger als Hausgenossen anzusehen, entspreche gegenwärtigen Tendenzen: „Vielen Leuten ist jeder Bezug zu Landwirtschaft und Natur abhandengekommen.“ Alles werde vermenschlicht. Deutliche Sätze von einem, der ein schwieriges Wirtschaftsjahr zu Ende bringen muss.

Seit der Heuernte im Frühsommer ist auf den Weiden kaum noch etwas nachgewachsen, haben sich durstlöschende Bachläufe aus dem Diesseits verabschiedet. „Jeden Tag mussten wir kilometerweit zum Wasser ziehen.“ Jetzt, mit Einbruch des Herbstes und abgekühlten Temperaturen, hilft der morgendliche Tau. Bis der heimatliche Stall erreicht ist, wird die Berbalksche Herde von Kirdorf zur Riedelbacher Heide wandern und weiter ins Tal der Weil, immer Richtung Rheingau-Taunus. Kurz vor Weihnachten soll aufgestallt werden – die Tiere kommen unter Dach.

Wie Ackerbauern und Forstleute haben auch die Schafhirten unter der Hitze und Trockenheit 2018 gelitten. Weideflächen verdorrten im Tagesrhythmus, Futtermöglichkeiten verschwanden unterm ewigen Blauhimmel. Heu musste vielerorts zugekauft oder aus dem eingelagerten Winterkontingent geholt werden – eine Situation, die vom hessischen Schafzuchtverband als „existenzbedrohend“ eingeschätzt wird. Es ist damit zu rechnen, dass sich die wenigen verbliebenen Schafhaltungen Hessens weiter dezimieren.

Doch nicht allein die Wetterlage setzt der uralten Tradition zu. Im 2018er-Jahrbuch des Hochtaunuskreises hat Peter Haug eine ernüchternde Zwischenbilanz gezogen: „Die Fortführung der Nutz-Viehhaltung, insbesondere der Schafe, ist keineswegs sicher.“ Neben „geringer, stagnierender Wertschöpfung in Zeiten verfallender Woll- und Fellpreise“ vermiesen auch immer mehr gesetzliche Anforderungen und der Flächenschwund im stark frequentierten Offenland das Weitermachen von Herd’ und Hirt. „Nur noch eine Liebhaberei“, so der Königsteiner Nebenerwerbsschäfer – „obwohl die Nachfrage nach Lammfleisch derzeit groß ist“.

Für seine 300 Muttertiere hat er Weiderechte in den Gemarkungen von Schlossborn, Ruppertshain, Kelkheim, Königstein. Und eine drei Generationen währende Familiengeschichte im Rücken: Großvater Wilhelm Müller hatte aus Liebe zu Ovis gmelini aries eine Schäferei aufgebaut, die im gesamten Ballungsraum ohne Beispiel war. „In den 1960ern sind sechs Schäfer mit sechs Herden bis nach Gießen und vor die Frankfurter Stadtgrenzen gezogen.“ Gehütet wurde zum Ausgang der Weidesaison im Streuobst, auf Feldern mit Getreideauswuchs und Zuckerrübenblatt. Es war die große Zeit vor dem drastischen Umbruch im Agrarsektor – mittlerweile sind Wanderherden ein seltener Anblick. Heute, so Haug, sei das weite Umherziehen ganz unmöglich geworden, die herbstlich-sättigende Ackertafel unwiderruflich abgeräumt.

Für seine „standortgebundene Wanderschafhaltung“ ist die Saison bislang glimpflich verlaufen. „Ein trockenes Jahr ist ein gutes Schafjahr“, so das Sprichwort. Keine Schädlinge, keine den Hufen zusetzende Moderhinke. Jedoch „viel Mehrarbeit“: Doppelt so große Flächen wie üblich waren verfügbar zu machen, Wasserfässer täglich zu füllen, mobile Zäune in schnellem Rhythmus umzustecken. Dass viele Landwirte ihren mickrigen Aufwuchs an Gras – der zweite Schnitt, „Grummet“ genannt – nicht mehr nutzen wollten, kam schließlich den Schafen zugute. „Unser Glück“, sagen die Taunus-Schäfer. Gesättigt müssen sie ins Winterhalbjahr eintreten, die friedlich-eigensinnigen Wesen.

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