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Salafisten Rückschlag für die Missionierung

Bilal Gümüs aus Frankfurt war der Hauptorganisator der salafistischen „Lies!“-Kampagne. Nun sitzt er im Gefängnis.

Der Salafist Bilal Gümüs, hier in einem Youtube-Video. Foto: screenshot

Pierre Vogel alias Abu Hamza ist kein Mann, der schnell zum Punkt kommt. Mehrere Minuten muss der gewillte Zuhörer auf Youtube erst arabischen Phrasen und dann Anekdoten des vermutlich bekanntesten Salafisten Deutschlands lauschen, ehe sich Vogel dem Thema seiner Videobotschaft widmet: der Verhaftung seines Frankfurter Mitstreiters Bilal Gümüs. „Das ist ein großer Rückschlag für unsere Dawa“, sagt Vogel, „etwas, wo wir uns jetzt neu organisieren müssen.“

Das Video veröffentlicht Vogel einen Tag, nachdem die Medien darüber berichtet haben, dass einer der führenden Salafisten Deutschlands am Frankfurter Flughafen bei Versuch der Ausreise festgenommen wurde. Bereits im September 2016 hatte die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Gümüs erhoben. Dem 28-Jährigen wird laut einem ebenfalls bereits vor anderthalb Jahren veröffentlichten Bericht des TV-Magazin „Spiegel TV“ vorgeworfen, 2013 die Reise des Frankfurter Schülers Enes Ü. nach Syrien organisiert zu haben.

Der 16-Jährige hatte sich dort einer dschihadistischen Miliz angeschlossen und war bereits nach wenigen Wochen bei Kampfhandlungen getötet worden. Wenn Pierre Vogel von einem großen Verlust für die Dawa – die Missionierung – spricht, ist das keine Übertreibung. Bilal Gümüs war lange Zeit die rechte Hand von Ibrahim Abou-Nagie, dem Gründer des im November 2016 vom Bundesinnenminister verbotenen Salafistenvereins „Die wahre Religion“. In Abou-Nagies Auftrag organisierte Gümüs im Rhein-Main-Gebiet – später auch bundes- und europaweit – die Koranverteilung durch die „Lies!“-Kampagne. Die direkte Ansprache während dieser Verteilaktionen galt lange Jahre als einer der wichtigsten Rekrutierungsmechanismen der salafistischen Szene. 

Doch Bilal Gümüs war mehr als nur ein fleißiger Organisator. Für „Die wahre Religion“ war er Netzwerker und Aushängeschild zugleich. Die Geschichte von Bilial Gümüs, des kurdischstämmigen Jungen, der in sozial prekären Verhältnissen in Frankfurt-Sossenheim aufwuchs, mit 19 Jahren wegen versuchten Totschlags und diverser Raubüberfälle zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt wurde und in der Haft den Weg zum wahren Glauben – sprich: zur salafistischen Auslegung des Islams – fand, wurde von ihm selbst genauso wie von Vogel und Abou-Nagie als beispielhaft vermarktet, als Inspiration für die muslimische Jugend.

Hauptmarketingtool bildeten dabei Youtube-Videos und die Arbeit in den sozialen Netzwerken.
Gümüs nutzte dabei geschickt seine Kontakte zu früheren Weggefährten in der Frankfurter Halbwelt. Einige seiner ehemaligen Mitstreiter und Gegner haben inzwischen als Gangsta-Rapper Karriere gemacht. Immer wieder präsentierte sich Gümüs mit ihnen in Videos – auch wenn Musik seiner Auslegung nach „haram“ ist, also unislamisch. 

2016 brachen sowohl Vogel als auch Bilal Gümüs mit Abou-Nagie. Angeblich waren rechtfertigende Äußerungen von Gümüs zu den islamistischen Anschlägen in Brüssel der Grund. In der Salafistenszene brodelte es da bereits. Kurz zuvor hatte sich Vogel vom IS distanziert. Rund 140 ehemalige Aktivisten der „Lies!“-Kampagne waren da bereits nach Syrien ausgereist. Heute spricht der Prediger, der auf die Ermordung Tausender Jesiden durch den IS reagierte, indem er ihnen eine Konversion zum Islam anbot, nur noch vom „idiotischen Staat“ . 

Der Bruch mit Abou-Nagie war kaum vollzogen, da starteten Gümüs und Vogel bereits eine Art Ableger der „Lies!“-Aktion. Bei „We love Muhammad“ werden keine Korane, sondern eine Biografie des islamischen Propheten verteilt. Im Netz präsentieren sich Gümüs und Vogel umtriebig wie eh und je. Doch dass kann über ihren Bedeutungsverlust nicht hinwegtäuschen. 
Nach Ansicht der Islamismusexpertin Claudia Dantschke hat die Positionierung gegen den IS die beiden prominenten Salafisten einen Großteil ihres Ansehens gekostet.

Den jungen Radikalen sind Gümüs und Vogel inzwischen zu gemäßigt. „Diesen Samen haben sie selbst gelegt. Das Revolutionäre an den Salafisten ist, dass sie den Jugendlichen beibringen, religiöse Autoritäten infrage zu stellen.“ Nun wenden ihre Schüler diese Prinzipien auf Gümüs und Vogel an. 

In seiner Videobotschaft bezeichnet Vogel die Verhaftung seines Mitstreiters „als Dummheit der deutschen Behörden“. Dies würde nur den Terrorbefürwortern nutzen. Die Sicherheitsbehörden sehen das offenkundig anders. 

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