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Salafisten in Hessen Salafistische Propaganda durchschauen

Salafisten gibt es auch in Hessen. Der Verfassungsschutz macht Schüler als Präventionspaten fit.

28.05.2017 08:00
Schülerprojekt gegen Salafismus
Im Rollenspiel hat sich ein Schüler beim Projekt „Wir gegen Salafismus“ als Islamist verkleidet. Im kritischen Dialog sollen die Schüler lernen wie sie Anwerbeversuchen von Salafisten entgegentreten. Foto: Boris Roessler (dpa)

Direkten Kontakt mit Salafisten haben die Schüler der neunten Klasse der Gerhart-Hauptmann-Schule noch nicht gehabt. Was passieren kann, wenn die Extremisten Besitz vom Leben Jugendlicher und Erwachsener ergreifen, beginnen sie erst langsam zu verstehen. Diesen noch unbefangenen, teils spielerischen, teils nachdenklichen Umgang mit der potenziellen Gefahr will sich der hessische Verfassungsschutz zunutze machen. Prävention auf Augenhöhe ist das Leitmotiv des Projekts „Wir gegen Salafismus“.

In Zusammenarbeit mit der Wiesbadener Realschule will die Sicherheitsbehörde gezielt eine Lücke in der Beratungsarbeit füllen. „Überwiegend geht es in der Prävention um Informationen von Erwachsenen für Erwachsene oder von Erwachsenen für Jugendliche“, erklärt Marcus Gerngroß, beim Landesamt für Verfassungsschutz für die aufklärende und beratende Prävention zuständig. Die Jugendlichen der Gerhart-Hauptmann-Schule sollen hingegen als Präventionspaten Gleichaltrige an ihrer und anderen Wiesbadener Schulen fit machen und ihr Wissen weitergeben. Experten des Forschungszentrums Globaler Islam der Frankfurter Goethe-Universität begleiten das Vorhaben.

„Kinder gehen oft sehr unbefangen an vieles heran. Das haben wir etwa an den Koranverteilungskampagnen gesehen“, berichtet Politik- und Geschichtslehrer Jens Porwol. „Und gerade im Internet kursieren so viele hirnrissige Videos. Das zeigt, wie dringend nötig die Präventionsarbeit an den Schulen ist.“ Die rund 30 Kinder seiner Klasse sollen keine Referate halten. Es geht vor allem um Rollenspiele und Plakate über die Gefahren der Radikalisierung. Die Ergebnisse sollen auch am 9. Juni beim Hessentag in Rüsselsheim präsentiert werden.

1650 Salafisten in Hessen

Rund 70 bis 80 Prozent der Hauptmann-Schüler haben ausländische Wurzeln. In vielen Familien wird Arabisch gesprochen und der Nachrichtensender Al Jazeera eingeschaltet. In einer Unterrichtsstunde mit dem Verfassungsschützer geht es um die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), ihren Auftritt im Internet, was verboten ist und was nicht.

Egal, welche Nationalität die Jugendlichen auch haben: Ihre Fragen sind im Kern nahezu gleich. Was genau macht der IS eigentlich? Hat er noch viele Anhänger? Woher bekommt er Geld? „Es gibt viele Leute, die nicht so viel darüber wissen wie wir jetzt“, sagt ein Mädchen. „Wir wollen zeigen, dass es nicht so ist, wie es in den Propagandavideos gezeigt wird“, ergänzt ein Mitschüler.

Hessenweit werden rund 4150 Menschen vom Verfassungsschutz dem Islamismus zugeordnet, darunter 1650 als Salafisten. Dass immer jüngere Kinder im Fokus der salafistischen Anwerbeversuchen stehen, ist auch den Verantwortlichen in den Schulen seit geraumer Zeit bewusst. So hat der Kooperationsverbund der Schulämter im Rhein-Main-Gebiet einen Leitfaden für den Umgang mit religiös motiviertem Handeln und Extremismus herausgegeben.

Für das Präventionsnetzwerk VPN, mit dem das Land eng zusammenarbeitet, spielen Lehrer eine wichtige Rolle. Bei einer Vielzahl geplanter Ausreisen junger Hessen in den Krieg nach Syrien und in den Irak sind die Experten erst nach Hinweisen von Pädagogen oder Mitschülern aktiv geworden. Die VPN-Mitarbeiter wissen zwar in etwa, wo die Salafisten ihre Rekrutierungsversuche starten, sind aber auf konkrete Hinweise angewiesen. Und die kämen außer von verzweifelten Angehörigen meistens aus Schulen, erklärt Geschäftsführer Thomas Mücke.

Nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW muss jedoch noch deutlich mehr für die Prävention getan werden. Es gebe einen großen Bedarf unter den Pädagogen, sich zusätzliches Wissen zur Bekämpfung des Extremismus anzueignen, sagt der hessische Gewerkschaftschef Jochen Nagel. Viele Lehrer würden aber durch die mangelnden Budgets an den Schulen davon abgehalten, sich außerhalb der Unterrichtszeit fortzubilden.

Bei 40 Euro pro Lehrkraft und Schuljahr für Fortbildungen sei kaum etwas möglich, kritisiert Nagel. In der Wirtschaft seien etwa fünf Prozent des Personalbudgets für Fortbildungen üblich. Übertragen wären dies 2500 bis 3000 Euro pro Lehrer, rechnet der Gewerkschafter vor. „Davon sind wir meilenweit entfernt.“   (dpa)

 

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