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Rudolf Steinberg Rückzug vom Rednerpult

Nach acht Jahren als Präsident der Goethe-Universität tritt Rudolf Steinberg ab. Georg Leppert hat ihn in dieser Zeit oft getroffen und gesprochen - ein Porträt.

Nach acht Jahren verlässt der Präsident der Goethe-Uni seine Lehrstätte - und gibt sein Amt an einen Nächsten weiter. Foto: FR/Boeckheler

Ganz am Schluss hat es noch einmal richtig gekracht. Weil bei der Eröffnungsfeier für die fünf neuen Gebäude auf dem Campus Westend nur geladene Gäste Zutritt hatten, gingen die Studierenden auf die Barrikaden. Sie störten die Veranstaltung, indem sie von außen gegen die Scheiben des Festsaals klopften. Und kaum war die Feier vorbei, veröffentlichte der Asta eine Pressemitteilung. Die Universitätsleitung habe nur sich selbst gefeiert und zugleich bewiesen, "dass Elite und Exzellenz sich nicht mit Demokratie an einer Hochschule vertragen". Ein Affront gegen Rudolf Steinberg.

Doch der Universitätspräsident, der am heutigen Donnerstag in den Ruhestand verabschiedet wird, verstand die Kritik ganz und gar nicht und verwies auf das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung. Das sei nötig gewesen, weil Studierende in der Woche zuvor das neue House of Finance gestürmt hatten.

In gewisser Weise ist die Auseinandersetzung rund um die Eröffnungsfeier typisch für Steinberg. In seinen acht Jahren als Präsident war ihm von Seiten der Studierenden immer wieder vorgeworfen worden, er kümmere sich um Elite und Exzellenz, aber der normale Student bleibe in seinen hochtrabenden Plänen für eine Spitzenuniversität außen vor. Verstanden hat Steinberg diese Kritik nie.

Streben nach Höherem

Er war kein Unbekannter an der Uni, dieser Rudolf Steinberg aus Cochem an der Mosel, der sich Anfang 2000 den Mitgliedern der Goethe-Universität vorstellte, um ihr Präsident zu werden. Seit 1980 hatte er an Hessens größter Hochschule Öffentliches Recht gelehrt. Vor allem im Umwelt- und Verwaltungsrecht galt er als einer der besten Juristen des Landes.

Im Juni 2000 trat er sein Amt als Präsident an - und spielte von Anfang an mit offenen Karten. Die Massenuniversität, die allenfalls durchschnittlichen Platzierungen in den Rankings, das nicht unbedingt ausgeprägte Streben nach Spitzenforschung und -lehre, das er bei manchen Wissenschaftlern an der Uni feststellte - das alles war ihm zuwider. Steinberg strebte nach Höherem.

Kaum ein Jahr im Amt, legte Steinberg einen Hochschulentwicklungsplan vor, dessen Kernaussagen lauteten: Die Goethe-Universität nimmt den Wettbewerb der Hochschulen an. Und zweitens: Sie will diesen Wettbewerb auch gewinnen. Das klang irgendwie putzig an einer Uni, die seit Jahrzehnten von ihrem Ruhm aus längst vergangenen Zeiten lebte. Von Adorno und Habermas. Von der Frankfurter Schule und der Kritischen Theorie, die im Institut für Sozialwissenschaft betrieben wurde.

Kritische Wissenschaft pflegen oder die Universität neu ausrichten - hin zu einer Hochschule, die den Bedürfnissen der Wirtschaft nach guter Ausbildung gerecht wird, die auf Stiftungsprofessuren setzt, die in Rankings möglichst viele Punkte erreicht? Steinberg sagt bis heute, beides sei möglich und beides sei ihm auch gelungen. Seine Kritiker sehen das anders und werfen ihm vor, die Fachbereiche Jura und Wirtschaftswissenschaften extrem zu fördern und sich um die Gesellschaftswissenschaften nicht zu kümmern.

Auf derartige Anschuldigungen reagiert Steinberg in der Regel gereizt - wie so oft, wenn seine Universität in der Kritik steht. Ihm sei es gelungen, Top-Wissenschaftler wie den Politologen und Philosophen Rainer Forst in Frankfurt zu halten. Das wäre wohl kaum möglich gewesen, wenn nicht die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften eine "herausragende Bedeutung an der Universität" hätten.

Wer mit Rudolf Steinberg streitet, muss gut vorbereitet sein. Denn der 65-Jährige ist es immer. Innerhalb kürzester Zeit kann er Dutzende von Zahlen aus dem Ärmel schüttelt. Die eingeworbenen Drittmittel hätten sich von seinem Amtsantritt bis 2007 von 48 Millionen auf 112 Millionen Euro erhöht, was belege, dass die Goethe-Uni "eine der ersten Adressen in der Forschung ist". Zudem seien mit ihm als Präsident 774 neue Wohnheimplätze geschaffen worden - von wegen er kümmere sich nicht um die Belange der Studenten - und 330 Millionen Euro verbaut worden.

Neuer Campus als Lebenswerk

Die zuletzt genannte Zahl ist Steinberg besonders wichtig. Vieles am Campus Bockenheim hat der Präsident geradezu gehasst, über die Bibliothek der Juristen im Juridicum sagt er etwa, sie sei "die scheußlichste Jura-Bibliothek Deutschlands" gewesen. Um so wichtiger war es ihm, den von seinem Vorgänger Werner Meißner begonnenen Umzug der Uni ins Westend voranzutreiben. Der Bau der "Neuen Universität" war Steinbergs Lebenswerk - neben der Umwandlung der Hochschule in eine autonome, fast schon privatisierte Stiftungsuni, die zum Jahresbeginn 2008 vollzogen wurde.

In zwei Punkten aber scheiterte der Präsident: Zum einen fiel die Goethe-Universität bei der Exzellenzinitiative durch und bekam nicht den Titel "Spitzenuniversität". Und zum anderen ist das Studium in Hessen wieder kostenlos. Steinberg hatte sich stets für Studiengebühren eingesetzt.

Nur wegen des Streits um die Campus-Maut habe sich das Verhältnis zwischen ihm und den Studierenden verschlechtert, meint er. "Ich kam zuvor sechs Jahre lang mit dem Asta gut aus." Doch Studenten, die Hörsäle blockieren, sich auf Autobahnen setzen und in Sitzungen des Senats Rabatz machen, passten nie in die Uni, die der Präsident plante. Allerdings: In dem einen Jahr, in dem die Studenten Gebühren bezahlten, verlor Steinberg auch eine Illusion: "Ich bin enttäuscht über die Wirtschaft - sie hat ihre Ankündigung, Stipendien zu schaffen, schlichtweg vergessen."

Es war am 25. Juni, als die Pressestelle der Universität vollkommen überraschend mitteilte: Rudolf Steinberg, "Architekt der Stiftungsuniversität", tritt zum Jahresende ab. Über die Gründe wurde viel spekuliert, manch' einer sah einen Zusammenhang zum Rücktritt von Udo Corts (CDU) als Wissenschaftsminister und den veränderten Mehrheitsverhältnissen im Landtag nach der Wahl im Januar.

Steinberg selbst sagt dazu immer nur, nach acht Jahren sei es an der Zeit zu gehen, zumal er seinem Nachfolger, dem Biochemiker Werner Müller-Esterl, ein "gut bestelltes Haus" hinterlasse. Außerdem stehe er der Universität mit "Rat und Tat zur Seite", weshalb manche Beobachter davon ausgingen, er werde einen Posten im Hochschulrat antreten.

Doch Rudolf Steinberg betont, er wolle sich "aus operativen Fragen der Universität heraushalten". Er möchte lieber in die Oper gehen, seine vier Kinder besuchen - und nicht mehr an Rednerpulten stehen, während draußen wütende Studenten gegen die Scheibe hämmern.

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