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Rassismus Sich sichere Räume schaffen

Vor 30 Jahren schlossen sich im Rhein-Main-Gebiet schwarze Menschen zusammen und gründeten die "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" (ISD). Vieles sei schon besser geworden, sagen Aktivisten. Doch nach wie vor müssen Schwarze Menschen in Deutschland viele Kämpfe ausfechten.

Holocaust-Überlebender: Theodor Michael ist einer der Schirmherren des ISD-Jubiläums. Foto: Peter Jülich

Wenn Eleonore Wiedenroth-Coulibaly und Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum über ihr Leben in Deutschland sprechen, dann reden beide unabhängig voneinander vom „Überleben“. Genauer gesagt: vom Überleben als schwarze Menschen in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft. Und wenn die beiden Frauen dann davon sprechen, was ihnen ihr Überleben sichert, dann sprechen sie von „safe spaces“, Räumen also, in denen sie vor dem Rassismus der Außenwelt sicher sind – und von jener Organisation, die ihnen solche Räume eröffnet hat: der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Nun feiert die ISD ihren 30. Geburtstag. Und dass die 27-jährige Studentin Nkwendja-Ngnoubamdjum schon als Kind mit der ISD in Berührung kam, das hat sie nicht nur ihrem älteren Bruder zu verdanken, der die damals Elfjährige erstmals mit zum jährlichen ISD-Bundestreffen nahm, sondern auch der heute 60-jährigen Eleonore Wiedenroth-Coulibaly, die zu den Gründerinnen der ISD zählt und gemeinsam mit Nkwendja-Ngnoubamdjum und vier weiteren Frauen in diesem Herbst den Sammelband „SpiegelBlicke“ über die Geschichte der schwarzen Bewegung in Deutschland herausgibt.

Los ging alles 1985 im Rhein-Main-Gebiet. Eine weiße Journalistin hatte einen Film über schwarze Deutsche gedreht und dafür auch die in Wiesbaden aufgewachsene und heute in Frankfurt lebende Wiedenroth-Coulibaly interviewt. Als diese den Film sah, dachte sie: „Das geht doch nicht, dass nur über uns geredet wird; wir müssen uns doch treffen und miteinander reden.“

Also fing sie an, die Liste der Filmprotagonisten abzutelefonieren und private Treffen in Wiesbaden, Frankfurt und Mainz zu organisieren. Auf einen Zeitungsaufruf folgte dann ein erstes größeres Treffen in Wiesbaden im Dezember 1985. Als sie dort mit rund 50 schwarzen Menschen in einem großen Kreis saß, sei sie „einfach platt“ gewesen, erinnert sich Wiedenroth-Coulibaly. Zwei Tage lang hätten sie geredet und viel geweint. Denn für die meisten in der Runde war es der erste Schritt aus der Isolation. Bis dahin war die Tochter eines US-Soldaten wie viele Schwarze ihrer Generation alleine in einem weißen Umfeld aufgewachsen. „Mir wurde immer signalisiert, ich gehöre nicht dazu.“

Ihre reine Existenz als Schwarze in Deutschland sei bereits ein Stein des Anstoßes, schrieb sie zu dieser Zeit in dem Sammelband „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“, den die jungen Berlinerinnen May Ayim und Katharina Oguntoye 1986 veröffentlichten. Berlin war neben dem Rhein-Main-Gebiet das zweite Zentrum, aus dem bald zahlreiche bundesweite ISD-Gruppen hervorgingen. Mit den Begriffen afrodeutsch und schwarze Deutsche setzten die ISD-Gründer nun erstmals öffentlich den rassistischen Fremdbezeichnungen selbstbestimmte Alternativen entgegen, die für die jüngere Generation selbstverständlich geworden sind.

Jugendliche im Selbstfindungsprozess

Zur jungen Generation zählt Christelle Nkwendja-Ngnoubamdjum, die erzählt, dass die ISD für sie ein „Anker“ sei, der sie bereits als Jugendliche im Selbstfindungsprozess als schwarze Person unterstützt habe. Sie fährt regelmäßig zu den jährlichen Bundestreffen der ISD und engagiert sich in der Rhein-Main-Lokalgruppe, die nun die zentralen Jubiläumsfeiern in Frankfurt und Wiesbaden ausrichtet. Aus den Treffen, wo sie sich „wohl und geschützt“ fühle, gehe sie stets „mit neuer Kraft und Stärke“ in den Alltag zurück, sagt die 27-Jährige.

Sie ist dankbar für die Basis und das Wissen über die Geschichte der schwarzen Deutschen, das die ältere ISD-Generation aufgebaut hat. Heute sei es viel einfacher, sich zu vernetzen. Gleichwohl glaubt sie, dass Schwarze immer noch viele Kämpfe für Gleichberechtigung ausfechten müssen. Rassismus wirke sich strukturell in allen gesellschaftlichen Bereichen aus, ob in der Schule, auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder in Form rassistischer Polizeikontrollen, dem sogenannten „Racial Profiling“, das die ISD schwerpunktmäßig bekämpft. Damit diese politische Arbeit wirken könne, sei es wichtig, dass die ISD weiterhin nach innen sichere Räume schaffe, sagt Nkwendja-Ngnoubamdjum. Überlebenswichtig.

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