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Protest gegen Landesgartenschau Gießen Kampf ums Idyll

Keine Lust auf blühende Landschaften: Gießener Bürger wollen die geplante Landesgartenschau stoppen. Sie kritisieren, dass für das Blumenspektakel etliche Bäume gefällt und ein Erholungsgebiet zerstört werden solle.

Dietmar Jürgens und Elke Koch-Michael markieren Bäume, die weichen müssten. Foto: Andreas Arnold

Sie haben weiße Schleifen um die Bäume gebunden, die gefällt werden sollen. Es sind eine Menge Schleifen. „Die Leute sollen sehen, was hier alles verschwindet, wenn die Gartenschau kommt“, sagt Dietmar Jürgens.

Der Diplom-Biologe kartiert seit zehn Jahren die Vogelwelt der Wieseck-Aue, einer weitläufigen, von Teichen durchzogenen Grünfläche mitten in Gießen. „Graureiher stehen hier am Ufer, der Eisvogel hat ein weitgehend ungestörtes Quartier, es gibt Teichhühner und Haubentaucher.“ 121 Vogelarten hat Jürgens schon gesichtet. Viele davon, fürchtet er, könnten verschwinden. Denn die Wieseck-Aue, rund 35 Hektar groß, soll zum zentralen Ausstellungsgelände der Landesgartenschau 2014 werden. Vor vier Jahren hat die mittelhessische Universitätsstadt dafür den Zuschlag erhalten.

Jürgens ist Mitglied der Bürgerinitiative „Stoppt diese Landesgartenschau“, zu deren Gründungsversammlung Anfang Dezember rund 250 Interessierte gekommen waren. Ihre Argumente: Die Ausstellung macht ein beliebtes Naherholungsgebiet kaputt, zerstört ökologisch wertvolle Areale und ist zu teuer.

Bernd Schnell, einer von Jürgens’ Mitstreitern, wohnt „gleich um die Ecke“, wie er sagt. „Ich geh hier häufig mit meiner Frau spazieren, sehe im Sommer die Familien auf den Wiesen picknicken, die vielen Radfahrer, Menschen, die sich auf die Bank setzen und übers Wasser schauen.“

Dieses Idyll ist in Gefahr, wenn hier die Bauarbeiten beginnen, neue Brücken errichtet und Ausstellungsflächen angelegt werden, ist Schnell überzeugt. Er hat beim Verwaltungsgericht Gießen einen Eilantrag eingereicht, um die Arbeiten zu stoppen. Schnell begründet das mit Formfehlern in der jüngsten Sitzung der Stadtverordneten Mitte Dezember. Eine Entscheidung des Gerichts steht aus, doch selbst wenn Schnell recht bekommen sollte, würde das den Fortgang der gerade begonnen Fällaktionen bestenfalls bis Mitte Februar aufhalten können. Dann nämlich kann die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament erneut Beschlüsse zur weiteren Umgestaltung der Flächen fällen, die für die Gartenschau vorgesehen sind.

Magistrat: "Es gibt kein zurück"

Gerda Weigel-Greilich ist zuständige Dezernentin für die Gartenschau. Sie ist Mitglied der Grünen, zusammen mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz (SPD) bildet sie den hauptamtlichen Magistrat der Stadt. „Es gibt kein Zurück“, sagt sie. Zwar seien es noch gut zwei Jahre, bis die Schau ihre Tore öffnen soll – Verzögerungen aber könne sich die Stadt nicht leisten, wenn alles rechtzeitig fertig werden solle.

Am Rand des großen Teiches in der Wieseck-Aue ist ein Café geplant, Wege müssten umgestaltet, Spielplätze errichtet, ein Sportgelände verlegt und ein Quellgarten gebaut werden. Plattformen sollen die Besucher nah ans Wasser bringen. Grüne Korridore quer durch die Stadt sollen das Wieseck-Gelände mit der Lahn-Aue verbinden, wo eine neue Brücke entstehen und ein Durchstich unter dem Bahndamm den Fluss von der Innenstadt aus besser erreichbar machen soll. „Es gibt hier in Gießen sehr viel Grün, das gar nicht wahrgenommen wird“, sagt Weigel-Greilich.

Zudem sollen die Ringallee, ein Straßenzug rund um die Wieseck-Aue, und der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet werden – ein Projekt, das seit 30 Jahren diskutiert wird. „Wir bekommen“, sagt die grüne Dezernentin, „mit der Landesgartenschau eine Sanierung aus einem Guss.“
Rund 30 Millionen Euro sollen dafür in Gießen investiert werden, rechnet Weigel-Greilich vor. Den größten Teil muss die Stadt selbst tragen, rund ein Drittel komme vom Land. Die Durchführung der Schau selbst ist mit neun Millionen Euro veranschlagt. 5,6 Millionen sollen durch Eintritte hereinkommen. Die Stadt rechnet mit 700.000 Besuchern. Eine Million Euro sollen Sponsoren tragen, die verbleibenden 2,6 Millionen müsse Gießen selbst beisteuern.

Geld, das die hoch verschuldete Stadt nicht hat, wie die Kritiker monieren. Mit 235 Millionen Euro ist Gießen in den Miesen. „Wenn jetzt zusätzliche Schulden für die Gartenschau gemacht werden“, sagt BI-Mitglied Hans-Jürgen Geselle, ein pensionierter Berufsschullehrer, „dann bleibt nichts mehr, um Straßen zu flicken oder Schulen zu sanieren.“ Kritik, die Weigel-Greilich so nicht gelten lassen will. „Auch in Bad Wildungen, Bad Nauheim oder bei der Bundesgartenschau in Bingen gab es massive Proteste, als dort die ersten Bäume gefällt wurden“, sagt sie. Der Widerstand sei schließlich in sich zusammengefallen, und am Ende hätten die Vorteile für die Veranstaltungsorte klar überwogen.

Hoffen auf Bürgerentscheid

Die Gießener aber wollen sich nicht so schnell geschlagen geben. „Wir werden versuchen, mit einem Bürgerentscheid die Wieseck-Aue zu retten und das horrende Geldausgeben zu vermeiden“, sagt Elke Koch-Michel. Die ehemalige SPD-Abgeordnete sitzt für die Bürgerliste in der Stadtverordnetenversammlung. Ihre Bemühungen, auf parlamentarischem Weg die Schau zu verhindern, wurden allesamt abgeschmettert.

Am heutigen Donnerstagabend wollen die BI-Mitglieder die Frage aufschreiben, die sie den Gießenern zur Abstimmung vorlegen werden. Klar ist, dass es dabei auch darum geht, die Bäume zu erhalten, an denen die weißen Bänder wehen. Und klar ist auch, dass dies nicht so leicht zu erreichen sein wird. Mindestens 14300 Gießener, jeder vierte Wahlberechtigte, müssten sich an der Abstimmung beteiligen. „Die Hürde“, sagt Koch-Michel, „ist hoch.“ Der Unmut aber, sind sich Dietmar Jürgens und die anderen sicher, der werde noch wachsen.

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